So wie die Briten ab 1957 mit den Produktionen von Hammer ein neues Zeitalter des Horrorfilms heraufbeschworen, machte man sich im selben Jahr in Italien daran, dem Phantastischen ebenfalls zum Sieg zu verhelfen. Mit DER VAMPIR VON NOTRE DAME aka I VAMPIRI wurde der Startschuss abgegeben, der auch dazu beitrug, das italienische Kino europaweit massenkonform zu machen und ein goldenes Zeitalter einleitete, das erst in den 80er Jahren vergehen sollte.

I VAMPIRI ist der erste italienische Horrorfilm der Nachkriegszeit. Die Regie hatte Riccardo Freda übernommen, der sich mit Mario Bava als Kameramann anschickte, einen Film mit gotischer Atmosphäre abzuliefern. Freda warf jedoch nach einem Zerwürfnis mit den Produzenten nach zehn Tagen das Handtuch, weswegen Bava den Posten des Regisseurs übernehmen und den Film zum Abschluss bringen musste. Eingedenk dessen, dass zwei Männer hier am Ruder waren, ist das Ergebnis erstaunlich homogen. Es ist praktisch nicht zu sagen, welche Szenen von wem sind. Dabei war es sicherlich klug, den Chefkameramann zum Regisseur zu befördern, da es ohnehin schon Bavas Auge fürs Visuelle war, das sich unter Fredas Regie entfaltet hatte.

Die Story: Der sogenannte „Vampir“ trübt den romantisch-verklärten Blick auf Paris! Aus der Seine birgt die Gendarmerie wiederholt Frauenleichen: Ein unheimlicher Killer mordet in Serie und lässt lediglich die des roten Lebenssaftes zur Gänze beraubten Hüllen kaum erblühter Weiblichkeit in den kühlen Fluten zurück. Der gewiefte Reporter Lantin begibt sich auf die Suche nach dem Mörder. Im Zuge seiner Ermittlungen lernt er die Herzogin du Grand kennen und diese ihn lieben. Zu ihrem Leidwesen gehört das Herz des Reporters einer anderen. Bald schon verschwindet Lantins Freundin auf mysteriöse Weise. Wissenschaftler Julien wiederum hat ein Lebenselixier kreiert, welches aus dem Blute junger Frauen gewonnen den natürlichen Alterungsprozess zu stoppen- und scheinbar ewige Schönheit zu spenden vermag.
Vom Vampir im Titel ist im Film nichts zu bemerken. Vielmehr ist es ein Mad-Scientist-Stoff, vermengt mit einer Prise Gräfin Bathory. Aber das ist okay, braucht es hier auch keinen Vampir. Der Film selbst präsentiert sich als Krimi, ist aber bei weitem nicht konventionell, sondern blüht in einer wundervoll gotischen Atmosphäre auf, die nicht nur durch das herrlich gestaltete Schloss der Herzogin unterstrichen wird.

Das Labor des Wissenschaftlers erinnert an jenes von Dr. Frankenstein. Und selbst sein Lakai kann die Ähnlichkeit mit Igor nicht ganz verleugnen. Dennoch sind die phantastischen Elemente, sieht man von der einführenden Szene ab, etwas in den Hintergrund geschoben und entfalten sich erst voll und ganz, als der Freund des Journalisten auf die liebliche Giselle trifft und diese vor seinen Augen zu altern beginnt. Bemerkenswert ist der Effekt, den Bava – und man kann fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass diese Szene unter seiner Führung entstand – hier erreicht, denn die Verwandlung Gianna Maria Canales findet nach einem ersten Schnitt der jungen zur minimal gealterten Frau ohne weitere Schnitte oder Überblendungen statt. Bava setzt ganz und gar auf die Beleuchtung, die das Haar weißer erscheinen und die Schatten im Gesicht der Schauspielerin präsenter werden lässt. Das Ergebnis ist auch mehr als 50 Jahre nach Entstehung des Films noch immer verblüffend.

Die DVD von Anolis ist zwar hochpreisig, aber auch ausgesprochen schön. Es gibt insgesamt drei Fassungen des Films: die deutsche, die italienische und die amerikanische. Letztere ist die Kürzeste. Die italienische Fassung ist ein paar Minuten länger, ich hatte aber bis dato nicht die Muse, alle Fassungen mit einander zu vergleichen. Schön auch im Bonusmaterial die Enthüllung, dass die Geschichte einstmals weit phantastischer geplant war und der Frankenstein-Aspekt stärker herausgearbeitet werden sollte, indem man erfahren hätte, dass Paul Mullers Figur enthauptet und erst dann vom Doktor wieder reanimiert worden ist. Kernstück des Bonusmaterials ist die gut einstündige Dokumentation über Paul Muller, der viel über seine Herkunft, aber auch über einige seiner Arbeiten, darunter einiges mit Jess Franco, berichtet.

DER VAMPIR VON NOTRE DAME ist der Großvater des italienischen Genre-Kinos. Aus heutiger Sicht ist die Geschichte sicherlich nicht mehr besonders überraschend, aber die bekannten Elemente werden mit viel Flair umgesetzt. Die Schwarzweißoptik emuliert den Expressionismus deutscher Stummfilme, wodurch der Zuschauer mit Bildern belohnt wird, in die man am liebsten versinken würde. Die Bilddramaturgie zeigt hier beeindruckend, welch ein Meister Mario Bava in dieser Beziehung war. Und auch deswegen überzeugt der Film mehr als fünf Jahrzehnte später noch immer. DER VAMPIR VON NOTRE DAME ist ein Klassiker, der in keiner gut sortierten Sammlung des Phantastischen fehlen sollte.