Seit mehr als einem Jahrzehnt werden die neuen Filme von Dario Argento von seinen Fans immer ganz gehörig verrissen. Oftmals hört man, die alten Filme hätten bessere Stories gehabt, oder seien besser gespielt gewesen, oder hätten mehr Atmosphäre geboten. Letzteres mag sogar sein, schauspielerische Aussetzer gab es aber auch schon früher und die Geschichten waren oft verworren, überkompliziert und einfach unsinnig. Dementsprechend muss man auch mit Vorsicht genießen, wenn ein neuer Argento gleich im Vorfeld in Grund und Boden gestapft wird, denn so schlecht, wie es gemeinhin klingt, ist sein Alterswerk dann auch wieder nicht. Sehen wir uns sein Schaffen dieses Jahrtausends an: NON HO SONNO (2001) ist ein gelungener Giallo, der gängige Muster aufgreift, aber stimmig daherkommt und noch dazu Goblin-Musik zu bieten hat. THE CARD PLAYER (2004) war ein Film auf TV-Niveau, kaum brutaler als ein TATORT und so unlogisch, dass es weh tut. Ansehbar? Bedingt ja, mehr aber auch nicht. DO YOU LIKE HITCHCOCK? (2005) entstand fürs Fernsehen und leidet auch etwas unter optischem Fernsehfilmfeeling, aber die Story ist recht schlüssig und der Film flott erzählt. Kein typischer Argento, aber eine schöne Arbeit. Kommen wir zu LA TERZA MADRE (2007), dem Abschluss seiner Drei-Mütter-Trilogie. Das war ein wirrer, langweiliger, übermäßig brutaler, teils erstaunlich statischer Film, der ständig so erscheint, als ob Argento im fortgeschrittenen Alter versucht, irgendwelchen neuen Trends im Horrorfilm hinterherzuhecheln. Als es dann hieß, sein neuestes Werk GIALLO (2009) sei noch schlimmer als LA TERZA MADRE verhieß das nichts Gutes.
Die Story: Ein Serienkiller macht Jagd auf junge ausländische Frauen. Er lockt sie in sein Taxi, betäubt sie und bringt sie an einen geheimen Ort, wo er sie zu Tode foltert. Sein neuestes Opfer ist Celine, ein Model, deren Schwester nach ihrem Verschwinden zur Polizei geht. Dort hilft ihr Inspektor Enzo Avolfi, der den Killer schon eine Weile jagt. Das wichtigste Indiz für ihre Suche bekommen sie, als eines der Opfer des Killers noch ein paar Worte stammeln kann bevor sie stirbt, darunter: “Er ist gelb.” Das bringt sie auf die Idee, der Killer könnte an Gelbsucht leiden. Im Krankenhaus treffen sie auf ihn. Aber Yellow kann entkommen…
Wie’s weitergeht, sei hier mal nicht verraten. Genre-Kenner werden aber wohl nicht viel Mühe haben, das Ende vorherzusehen. Eins vorweg: So schlimm wie LA TERZA MADRE finde ich GIALLO nicht, an die Klasse eines NON HO SONNO, geschweige denn eines PROFONDO ROSSO oder TENEBRE kommt er aber nicht mal im Mindesten heran. Argento versucht, mit der Form zu spielen. Er lässt den Film wie einen typischen Giallo beginnen und nutzt auch eine mehr als klassische Figurenkonstellation: Eine Frau, die ihre verschwundene Schwester sucht und von einem Polizisten Hilfe erhält. Die Verwandtschaftsverhältnisse sowie die Profession vom Cop hin zum Privatschnüffler können ändern, aber solches gab es in den 70er Jahren in einigen Gialli zu sehen. Argento weicht aber auch von der Form ab. Er macht keinen Hehl aus der Identität seines Killers. Wir als Zuschauer wissen von Anfang an, wer Yellow ist. Eigentlich gehört es jedoch zum Spaß des Genres mitzugrübeln, wer der Killer ist. Errät man zwar meist nicht, weil es keine logischen Anhaltspunkte zur Identitätsaufdeckung gibt, aber spannend ist das zumindest schon. Hier fällt dieser Aspekt flach.
Auch deswegen könnte man durchaus argumentieren, dass GIALLO nicht nur ein eben neuer Giallo sein soll, sondern Argento das eigene Werk etwas persifliert. Das ist die höfliche Umschreibung dafür, dass das Skript mit ganz besonders lustlosen Reißbrettfiguren daherkommt. Und selbst erwiesen gute Schauspieler wie Adrien Brody und Emmanuelle Seigner haben ihre Probleme mit den Dialogen. Die sind nämlich teils so hanebüchen, dass sie nur haarscharf an der Parodie vorbeischrammen.
Wie in anderen seiner Filme, so etwa TENEBRE, spielt Argento mit dem Werkzeug der Rückblende, gibt sich hier aber nicht mit einer Figur zufrieden, sondern lässt sie gleich deren zwei angedeihen: Enzo auf der einen, Yellow auf der anderen Seite. Was Argento zu erreichen versucht, ist klar. Er will uns zeigen, dass beide Männer nur die unterschiedlichen Seiten derselben Medaille sind. Die Intention ist erkennbar, die Funktion versagt jedoch. Enzos Backstory ist zu konstruiert, und auch Yellows traurige Geschichte riecht ganz stark nach Klischee. Zudem wird dieses Element des Films nicht auf die Spitze geführt, denn Argento kann es sich nicht verkneifen, mit dem letzten Blick auf Brodys Anzo abzublenden. Er braucht noch die Nachklappe, die das Happyend bringt. Schön für alle, die ihre Filme auf Gedeih und Verderb mit glücklichem Ende haben wollen, aber ein Verrat an der eigenen Geschichte.
Noch ein Wort zu Yellow, zu dem sich Argento wohl durch SIN CITY inspiriert fühlte: Recht viel abstruser kann man einen Serienkiller kaum noch aufbauen. Sprachgestört, hässlich wie die Nacht finster, mit Rambo-Stirnband, am Laptop mit Schnuller im Maul sitzend und dazu noch – so wohl die Intention der Szene – onanierend. Irgendwie schätz ich, dass Argento sich lang und breit den Kopf darüber zerbrochen hat, wie er seinen Killer so richtig schön krank und verkommen gestalten kann. Ehrenwerte Absicht, die durch den tiefen Griff in die Klischeekiste aber unterminiert wird. Letzten Endes hätte man GIALLO auch nach klassischem Who-done-it?-Muster aufbauen können. Das hätte dem Film wahrscheinlich sogar gut getan. So bleibt er nicht mehr als der Versuch eines fast 70 Jahre alten Regisseurs, an alte Erfolge anzuknüpfen. Aber dabei nähert sich Argentos Werk gefährlich nahe der Eigenparodie.





