Ich war heute in der Pressevorführung von Oliver Parkers DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY (die Kritik ist hier: http://www.movieman.de/Film.php?mid=26527&nid=2700) und fand den Film sehr beeindruckend. Denn er spielt mit Themen, die zweifelsohne faszinierend sind: der Wunsch nach ewiger Jugend/Schönheit und das Auskosten der Lust ohne den Gedanken an die Konsequenzen. Gerade eben habe ich mir zum Vergleich die klassische Verfilmung aus dem Jahr 1945 angesehen. Beide Filme halten sich im Großen und Ganzen an die Vorlage. Sie nehmen sich Freiheiten, verändern Kleinigkeiten im narrativen Fluß, sind dem Roman gegenüber jedoch treu ergeben. Aber nicht nur die Geschichte selbst, auch die wichtigen Themen der Story sind intakt geblieben. Es ist ein bemerkenswerter Stoff, der zur Interpretation einlädt und gleichzeitig Inhalte aufgreift, die zuvor gekommen sind.
So hat die Geschichte dem Fauststoff viel zu verdanken, spielt mit der Verführung in Person des Henry Wotton, der zwar nicht der Teufel selbst ist, wohl aber dessen Funktion übernimmt. Er ist jemand, der korrumpiert, der gottesverachtend und zynisch ist und Dorian Gray nach seinem favorisierten Ideal schmiedet. Er macht aus einem jungen Mann ein Monster mit einem Engelsgesicht. Und Dorian Gray lässt dies aus sich machen. Er erkennt in sich selbst die schöne Oberfläche und entscheidet sich dafür. Er wird zu Wottons gelehrigem Schüler, der alles aufsaugt, was dieser ihn lehrt. Und am Ende ist er ein Mann bar jeden Mitleids, der nur noch danach giert, jeden Lustmoment des Lebens auszukosten. Doch erst als alter, noch immer jung aussehender Mann wird auch Dorian Gray klar, dass all die Erfahrungen nichts wert sind ohne Veränderung. Nur weil man Jugend und Schönheit verliert, sind sie etwas Besonderes. Und wer nur der Erfüllung allen Lustgefühls nacheifert, verliert die Chance auf echte Glückseligkeit. Denn Lust, das weiß Dorian, ist nicht dasselbe wie Glücklichkeit.
Was Wotton faszinierender denn Gray macht, ist die Tatsache, dass seine “Lehren” so elementar erscheinen: Was vergangen ist, ist vergangen. Einen Gedanken daran zu verschwenden, ist verlorene Mühe. Aus jeder Erfahrung, und sei sie noch so negativ, kann man etwas für sein Leben herausziehen. Und jeder Moment sollte so heißblütig und begierig erlebt werden wie es nur möglich ist.
Schöne Worte, interessante Ideen, aber brandgefährlich, denn all das sorgt dafür, dass man nur für den Moment lebt. Und ist der Moment vergangen, ist er schon vergessen. Was war, ist nichts, was noch Bedeutung hat. Was ist, muss genossen werden. Und was sein wird, daran verschwendet man keinen Gedanken. Ein Leben ohne Konsequenz ist jedoch nicht nur ein Leben frei von Zwang, sondern auch eines, das ziellos voranschreitet. Es ist leer, tot, verdorben. So wie die Seele des Dorian Gray.


