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Sein Name ist Dito

„Mein Name ist Dito – und ich werde jeden in diesem Film verlassen.“

So fängt A GUIDE TO RECOGNIZING YOUR SAINTS (KIDS – IN DEN STRASSEN NEW YORKS) an. Leise, lakonisch, sofort in den Bann ziehend. Es ist die Geschichte und das Leben von Dito Montiel, aber komprimiert auf einen Moment, der im Buch vorkommt. Alles andere, so Montiel, „wäre eine filmische Biographie über jemanden gewesen, für den sich eigentlich niemand interessieren sollte.“

Orlando Anthony Montiel wurde am 26. Juli 1970 in New York geboren. Dort wuchs er auf, dort hatte er seine Freunde und dort entdeckte er seine Liebe zur Musik. Die Teenager in seinem Umfeld fuhren alle auf Musik ab. Sie machten sie selbst, traten in Clubs auf und versuchten, etwas aus vorhandenem oder eingebildetem Talent zu machen.

„Es wurde nicht viel geübt. Man machte es einfach. Rauf auf die Bühne, vor den Rest von uns allen, und dann ging’s los. Und man wurde entweder besser oder sogar noch schlechter. Diese Mentalität habe ich nie verloren. Ich habe keinerlei Ausbildung im klassischen Sinn, aber ich habe von den Besten gelernt.“ Noch als Teenager verließ Montiel seine Familie, seine Freunde, jeden, den er kannte. Es zog ihn nach Los Angeles, wo er als Leadsänger der Hardcore-Punkband Major Conflict auffiel. Die Band löste sich auf, doch Montiel hatte schon eine neue Gruppe am Start: Gutterboy. Im Jahr 1989 unterschrieb er einen Vertrag mit Geffen Records, der eine Million Dollar garantierte. Diese Summe war zu jener Zeit unglaublich. Und nach dem Debüt von Gutterboy löste sich die Band auch schon wieder auf. Man begann, Gutterboy als die erfolgreichste der unerfolgreichen Bands in der Geschichte des Rock zu bezeichnen.

Für Montiel war das unbedeutend. Er arbeitete an neuen Träumen, neuen Ideen, neuen Möglichkeiten. Und es zog ihn nach vielen Jahren zurück nach New York, wo er seinem Vater, mit dem er im Streit gebrochen hatte, wieder begegnete. Diese Begegnung war es auch, die ihn dazu antrieb, seine Biographie „A Guide to Recognizing Your Saints“ zu schreiben, die im Jahr 2003 auf den Markt kam. Darin geht es auch um seine Tour-Zeit mit Gutterboy und seine kurze Model-Karriere für Versace, aber vor allem geht es darum, einen Schritt zurück zu machen, um endlich nach vorne zu kommen.

Sein Buch erschien – und Robert Downey Jr. las es. Der Schauspieler war begeistert und fand in Musiker Sting und seiner Frau Trudie Styler Produzenten, die den Stoff ebenfalls liebten. Man wandte sich an Montiel, der bis dahin niemals darüber nachgedacht hatte, aus seinem Leben einen Film zu machen. Doch er war bereit, das Drehbuch zu schreiben. Montiel: “Ich musste nur herausfinden, wofür in einem Skript INT und EXT stehen und schon konnte es losgehen.“ Doch Montiel wollte mehr als nur schreiben. Er wollte auch inszenieren. Nichts in seiner Biographie deutete darauf hin, dass er das überhaupt konnte, doch Montiel ist ein Autodidakt und ein Liebhaber des Kinos. Die Filme selbst waren seine Schule – und was er nicht wusste, das war er bereit, nach einem Crash-Kurs beim Screenwriters und Directors Lab in Sundance direkt am Set zu lernen.

Es kam ihm nicht in den Sinn, sich selbst zu spielen. Ohnehin war Robert Downey Jr. zu erpicht auf diesen Part. Doch es stellte sich die Frage, wer den jungen Dito spielen sollte. Montiel wollte einen unbekannten Schauspieler, einen Newcomer, den man noch entdecken konnte. Darum lehnte er Shia LaBeouf auch zuerst ab, obschon dieser Feuer und Flamme für den Part war und nicht locker ließ, bis Montiel ihm eine weitere Chance für ein Vorsprechen einräumte, bei dem der junge Mime voller Wut mit der Faust ein Loch in die Wand schlug. Dieser kurze, emotionale Ausbruch war es, der Montiel davon überzeugte, dass Shia die Wut in sich hatte, die diese Rolle verlangte.

Und dennoch bekam Montiel seine Newcomer, seine Entdeckungen: Channing Tatum, der den jungen Antonio spielt und sich völlig in seiner Rolle verliert, und Martin Compston als Ditos Freund Mike. Beide hatten zuvor schon Erfahrungen bei Film und Fernsehen gesammelt, doch es ist A GUIDE TO RECOGNIZING YOUR SAINTS, der den Beiden eine Karriere ebnen wird. Tatum, der von Oliver Stone für sein My-Lai-Drama PINKVILLE angeheuert wurde, drehte danach auch wieder mit Montiel – das Drama FIGHTING. Montiels Debütfilm lief auf dem Sundance Film Festival und wurde mit dem Spezialpreis der Jury für das beste Ensemble und einem Directing Award für den Regisseur ausgezeichnet. Weitere Festivals und weitere Preise folgten, darunter zwei Auszeichnungen beim Filmfestival in Venedig, dem ältesten noch existierendem seiner Art.

Der ungewöhnliche Aufbau von A GUIDE TO RECOGNIZING YOUR SAINTS ist vielleicht auch mit Montiels Unerfahrenheit als Drehbuchautor und Regisseur zu erklären. Aber er nutzt beides, um eine komplexe Struktur zu erstellen, bei der sich Vergangenheit und Gegenwart fast unmerklich abwechseln und erst durch das Auftauchen des jungen bzw. des älteren Dito klar abgegrenzt sind. Dass Downey Jr. und LaBeouf keinerlei Ähnlichkeit miteinander haben, ist irrelevant. Es ist ihr intensives Spiel, das uns Glauben macht, ein und dieselbe Person vor uns zu haben.

Dito Montiel hat einen exzellenten Independent-Film abgeliefert. Genau das, was er selbst so selten sieht. In einem Interview erklärte er, dass er nur selten unabhängig produzierte Filme sieht, etwa, wenn ein Freund ihn ins Kino schleppt. Und hin und wieder mag er sie auch. Doch um die Perlen zu finden, muss man durch ein Meer an Grütze waten: „Sie sind gewöhnlich langweilig. Und ganz selten einfach unglaublich.“ A GUIDE TO RECOGNIZING YOUR SAINTS ist letzteres. Ein unglaublicher Film, ein enorm dicht erzähltes Regiedebüt und ein Drama, das mitten ins Herz des Zuschauers trifft.