Spricht man vom britischen Horror-Film, so sind es in der Regel die Filme der traditionsreichen Hammer Studios, an die man denkt, doch war dies längst nicht die einzige Firma, die sich dem phantastischem Film verschrieben hat. Nicht minder erfolgreich war Amicus, dessen Blütezeit von 1965 bis 1977 reichte. Zwar gab es mit dem von Robert Lewellyn Moxey inszenierten HORROR HOTEL, in dem Christopher Lee eine der Hauptrollen spielt, bereits einen frühen Abstecher in die Welt des Horrors, doch dieser Film ist nur ein Ahnherr der eigentlichen Amicus-Produktion, wurde aber nicht unter dem Label veröffentlicht. Milton Subotsky und sein Partner Max J. Rosenberg, beide Amerikaner, kamen nach Großbritannien, da sie erkannten, dass man dort finanziell günstiger als in Hollywood arbeiten, aber dennoch hochwertige Produkte erschaffen konnte. Sie etablierten ihre Basis in England und begannen mit der Produktion weiterer Filme, doch erst im Jahr 1965 sollte Amicus zu dem werden, wofür es heute von Fans noch immer geliebt wird: Eine Schmiede des Phantastischen.

Man begann die Produktion von DR. TERROR’S HOUSE OF HORRORS, wobei für diesen Episodenfilm namhafte Schauspieler, darunter Peter Cushing und Christopher Lee engagiert wurden, die zu jener Zeit fast automatisch einen Kinoerfolg garantierten. Das Format des Episodenfilms unterschied Amicus nicht nur von Hammer, sondern sorgte auch dafür, dass die Firma eine eigene Identität bekam, denn diese Art von filmischer Wundertüte sollte über die nächsten Jahre noch mehrmals dem Publikum präsentiert werden.

Da sich der Film an den internationalen Kinokassen als Erfolg erwies, verlegten Subotsky und Rosenberg sich gänzlich darauf, phantastische Filme zu produzieren. Da zu jener Zeit auch DR. WHO gerade ungeheuer populär war, handelte man einen Deal mit der BBC aus und präsentierte zwei Kinofilme, in denen Peter Cushing den Doktor zum Besten gab. Diese Filme waren natürlich eher auf ein junges Publikum zugeschnitten, konnten jedoch angesichts der gewaltigen Dalek-Mania jener Zeiten in Großbritannien unglaubliche Summen einspielen.

Immer wieder kehrte Amicus jedoch zum Format des Episodenfilms zurück, wobei Anfang der 70er Jahre mit TALES FROM THE CRYPT und THE VAULT OF HORROR die gleichnamigen Comic-Vorlagen verfilmt wurden. William Gaines, der Besitzer von E.C. Comics, der die zahlreichen Horrorreihen veröffentlicht hatte, wollte die Filmrechte eigentlich nicht abtreten, ließ sich dann jedoch vom rührigen Amicus-Team überzeugen, dass seine Schätzchen hier in guten Händen waren. Während ersterer jedoch tatsächlich gut ankam, fand Gaines den zweiten Film grauenhaft und absolut langweilig, weswegen er sich weigerte, weitere Rechte an Amicus zu veräußern, wodurch weitere bereits geplante Filme wie „Tales of the Incredible“, „The Haunt of Fear“ und „More Tales From the Crypt“ nicht mehr verwirklicht wurden.

Zu jener Zeit, Anfang der 70er, merkte man jedoch auch schon bei Amicus, dass die Zeit sich weitergedreht hatte und der klassische Horror, wie er in den 50er und 60er Jahren geboten wurde, nicht mehr ganz den Geschmack des Publikums traf. Dem wollte die Firma mit dem Werwolf-Who-Done-It THE BEAST MUST DIE Rechnung tragen, der Anleihen bei der Blaxploitation nahm und bei dem der Zuschauer zum Mitraten aufgefordert wurde und am Ende gar eine Pause gemacht wird um dem Publikum die Chance zu geben, kurz über ihren Hauptverdächtigen nachzudenken. In der Mitte des Jahrzehnts versuchte sich die Firma schließlich an den unheimlich teuren Verfilmungen der Romane von Edgar Rice Burroughs, wobei sich THE LAND THAT TIME FORGOT als Erfolg erwies. Der eilig nachgeschobene zweite Teil, der insgesamt etwas schäbiger wirkt und bei weitem nicht mehr die Qualität des Originals aufweist, wurde schließlich von AIP verlegt, da Amicus noch vor Fertigstellung das Zeitliche gesegnet hatte. Eine weitere Burroughs-Verfilmung war AT THE EARTH’S CORE, die mit Doug McClure auch den Star der Dinosaurier-Filme im Boot hatte und zusätzlich mit Peter Cushing aufwarten konnte, aber wenig mehr als Kinderunterhaltung blieb.

Zu den ständigen Stars von Amicus gehörten Peter Cushing und Christopher Lee, was natürlich auch dazu beitrug, dass man die Firma als ernsthaften Konkurrenten von Hammer erachtete, da es ihnen immer wieder gelang, deren Stars abspenstig zu machen. 1969 konnte man mit den Beiden und Vincent Price sogar die drei damaligen Heroen des Schreckens in einem Film versammeln: SCREAM AND SCREAM AGAIN. Der Film taucht jedoch nicht in der offiziellen Filmographie von Amicus auf, da er mit AIP co-produziert wurde und diese die Rechte an dem Film hielten. Extrem ungewöhnlich und unzugänglich wie er ist, ist er vor allem seiner drei Darsteller nennenswert, die jedoch keinen gemeinsamen Auftritt absolvieren. Ein Highlight des Amicus-Oeuvres ist neben den besten Episodenfilmen aller Zeiten vor allem I, MONSTER, eine Verfilmung von DR. JEKYLL UND MR. HYDE, die jedoch auf die Namen der Vorlage von Stevenson verzichtet und eigene Charaktere erschafft. In der Hauptrolle findet sich Christopher Lee, der eine seiner energetischsten Darstellungen überhaupt abliefert.

Nach dem letzten Burroughs-Film, der schon während der Auflösung der Firma entstand und schließlich von AIP vertrieben wurde, nahm auch Max Rosenberg seinen Hut, nachdem sein Kollege und Partner sich schon lange vorher absentiert und das operative Geschäft ihm und den jüngeren, intriganten Nachfolgern John Dark und Arthur Cleaver überlassen hatte. Rosenberg und Subotsky waren auch weiterhin im Filmgeschäft tätig. So zeichnete Subotsky für die Episodenfilme THE UNCANNY (DAS UNHEIMLICHE) und THE MONSTER CLUB verantwortlich, die jedoch beide nicht an die goldenen Tage der Amicus-Produktionen heranreichen können.

Anders als die Produktionen der Hammer Studios, die im Bereich Horror und Phantastik mittlerweile fast vollständig vorliegen, gibt es in Sachen DVD bei Amicus noch einigen Nachholbedarf. Bisher wurden nur vereinzelt Titel des Studios veröffentlicht, am Schönsten ohne Frage in der gelungenen Amicus-Collection von Anchor Bay, die immerhin fünf Filme umfasst. Während die Burroughs-Filme ebenfalls vorliegen – das sogar auf Deutsch – und DR. WHO natürlich in Großbritannien veröffentlicht wurde, sieht es bei den meisten Horrortiteln bislang noch sehr trübe aus, was umso mehr erstaunt, bedenkt man, dass in den meisten dieser Filme zugkräftige Namen wie Peter Cushing oder Christopher Lee mit dabei sind. So heißt es für Freunde und Fans des klassischen britischen Horror-Films auch weiterhin, geduldig zu warten und Tee zu trinken. Irgendwann wird auch der letzte Amicus-Film auf DVD erscheinen. Und was machen wir dann? Weiter warten, denn Amicus und Hammer waren nicht die einzigen britischen Studios, die sich dem Genre verschrieben hatten. Von Tigon gibt es schließlich noch weit weniger auf Silberling …
Die Amicus-Filmographie
Jahr/Originaltitel/deutscher Titel/DVD-Veröffentlichung
1960 Horror Hotel / Stadt der Toten (RC1: VCI / RC2 UK: GMVS)
1962 It’s Trad, Dad
1963 Just for Fun
1965 Dr. Terror’s House of Horrors / Die Todeskarten des Dr. Schreck (RC 2 UK: Anchor Bay UK / RC 2 BRD: Koch Media)
1965 Dr. Who and the Daleks (RC 2 UK: Optimum)
1965 The Skull / Der Schädel des Marquis de Sade (RC 1: Legend)
1966 Daleks’ Invasion Earth: 2150 A.D. (RC 2 UK: Optimum)
1966 The Psychopath / Der Puppenmörder
1967 The Deadly Bees / Die tödlichen Bienen (RC 1: Legend)
1967 Danger Route / Ratten im Secret Service
1967 The Terrornauts
1967 They Came From Beyond Space / Sie kamen von jenseits des Weltraums
1967 Torture Garden / Der Foltergarten des Dr. Diabolo (RC 2 BRD: Sony)
1968 The Birthday Party (RC 2 UK: Fremantle)
1969 A Touch of Love (RC 2 UK: Optimum)
1970 Scream and Scream Again / Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse (RC1: MGM)
1970 The Mind of Mr. Soames / Das zweite Leben des Mr. Soames
1971 The House that Dripped Blood / Totentanz der Vampire (RC 2 UK: Anchor Bay UK / RC 2 BRD: Koch Media)
1971 I, Monster (RC 2 UK: Warner)
1972 Asylum / Asylum (RC 2 UK: Anchor Bay UK, RC 2 BRD: E-M-S)
1972 Tales from the Crypt / Geschichten aus der Gruft (RC 1: MGM)
1972 What Became of Jack and Jill?
1973 And Now the Screaming Starts! / Embryo des Bösen (RC 2 UK: Anchor Bay UK)
1973 From Beyond the Grave / Die Tür ins Jenseits (RC 1: Warner)
1973 The Vault of Horror / In der Schlinge des Teufels (RC 1: MGM)
1974 The Beast Must Die / Mondblut (RC 2 UK: Anchor Bay UK)
1974 Madhouse / Das Schreckenshaus des Dr. Death (RC 1: MGM)
1975 The Land that Time Forgot / Caprona (RC 2 BRD: CMV)
1976 At the Earth’s Core / Der sechste Kontinent (RC 2 BRD: CMV)
1977 The People That Time Forgot / Caprona 2(RC 2: MGM)