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Ein mörderischer Untermieter: The Lodger (1944)

THE LODGER basiert auf einem Roman von Marie Belloc Lowndes (1868-1947), die den Roman 1913 verfasst hat. Obschon die Geschichte natürlich von Jack the Ripper inspiriert ist, spielt sie im damals zeitgenössischen London und handelt von einem Serienkiller, der den Namen „The Avenger“ trägt. Die erste Verfilmung des Stoffs entstand noch zu Stummfilmzeiten und wurde von Alfred Hitchcock 1927 umgesetzt. In Hitchcocks Version war es auch der Avenger und nicht der Ripper, der das moderne London heimsuchte. Die erste Tonfilmfassung des Stoffs kam 1932 von Maurice Elvey. Was diesen Film interessant macht, ist die Tatsache, dass Elvey denselben Lodger benutzte wie Hitchock: Ivor Novello. Die dritte Verfilmung entstand bei 20th Century Fox, wo man Barré Lyndon das Drehbuch schreiben ließ. Und hier wurde aus dem Avenger erstmals Jack the Ripper.

Die Story: Mr. Slade ist ein junger und unscheinbarer Mann, der sich in einem Appartement im Londoner Whitechapel-Distrikt einmietet. Die Ankunft des neuen Mieters geht einher mit den Morden von Jack the Ripper. Purer Zufall oder doch mehr? Kitty, die Tochter der Familie, findet den neuen Mieter interessant. Immer öfters versucht sie, Zeit mit ihm zu verbringen und gerät dabei immer mehr in Gefahr, während der in sie verliebte Scotland-Yard-Inspektor John Warwick alle Hebel in Bewegung setzt, um dem Treiben des grausamen Frauenmörders ein Ende zu setzen …

Anders als die vorher gekommenen Filme ist THE LODGER a.k.a. JACK THE RIPPER – DER MÄDCHENMÖRDER ein period piece, das im London des Jahres 1888 spielt. Und der Untermieter ist der tatsächliche Jack the Ripper. In Hinblick auf die realen Vorkommnisse erlaubt sich der Film – teils notgedrungen – einige Freiheiten. So tötet der Ripper keine Prostituierten, sondern Schauspielerinnen und Varieté-Mädchen. Grund hierfür war, weil man Angst vor der Zensur hatte und weil Studiochef Darryl F. Zanuck auf Nummer Sicher gehen wollte. Wie die meisten Ripper-Verfilmungen der ersten 50 Jahre Kinogeschichte benutzt man hauptsächlich den Namen und verschiedene urbane Legenden, die als Basis für den Film dienen.

Die Macher waren aufgrund der Zensurpraktiken gezwungen, sehr viel kreativer vorzugehen. Denn das Thema ist freilich eines, das schwierig ist, geht es doch nicht um ein übernatürliches, sondern ein menschliches Monster. Und mehr noch: einen wahnsinnigen Mörder, dessen Motivation sexuell bestimmt ist.

Das wird im Film nicht vordergründig dargestellt, aber es lebt auf in Laird Cregars hervorragender Darstellung. Der mit sanfter Stimme spielende Schauspieler, der die Figur zurückhaltend anlegt und dessen Höflichkeit derart ist, dass er weit beängstigender erscheint, als wäre er ein geifernder Irrer, hat hier die wohl beste Leistung seiner Karriere abgeliefert. Regisseur John Brahm ließ ihm bei der Gestaltung der Rolle freien Lauf. Und Cregar nutzte das. Seine Blicke sagen mehr als tausend Worte. Und so ist die Schlüsselmotivation, die Cregars Figur Slade antreibt, etwas, das unter der Oberfläche schlummert und brodelt. Slade ist von seinem Bruder fasziniert – um nicht zu sagen, hoffnungslos in ihn verliebt. Und weil sein Bruder einer Frau wegen starb, entwickelt er einen Hass auf das andere Geschlecht. Die homosexuelle Ebene, die Cregar hier einbringt, ist nichts, was im Drehbuch zu finden wäre. Es ist etwas, das ganz und gar Cregars Darstellung zu verdanken ist.

Laird Cregars Darstellung zieht in den Bann. Unterstützt wird er dabei von einer sehr überlegten Inszenierung und einer fantastischen Ausleuchtung, die oftmals Highlights auf Cregars ausdrucksstarke Augen legt und deren hypnotische Wirkung noch unterstützt. Es ist Cregars unterkühlte, zurückhaltende Darbietung, die so wundervoll illustriert, was für ein verlorener Mensch sein Slade ist. Er ist allein, einsam, getrieben. Ein Opfer der eigenen Obsessionen. Und Brahm schafft es, dieses Gefühl mit Hilfe seines Kameramanns Lucien Ballard für den Zuschauer spürbar zu machen, indem er Szenen so anlegt, dass die Kamera als subjektiver Ersatz für den Zuschauer dient und weit ab vom Schuss ist. Losgelöst und fern von allem, das menschlich ist. Eine wunderbare Metapher für Cregars Slade.

Laird Cregar ist heutzutage eher unbekannt, aber 1944 schickte er sich an, zu einem der ganz großen Stars zu werden. Er hätte, so meinen viele, die Karriere haben können, die später Vincent Price hatte. Der am 28. Juli 1913 geborene Cregar war auf der Bühne erfolgreich, bevor er zum Film kam. 1941 spielte er in I WAKE UP SCREAMING die Rolle des obsessiven Polizisten, der so sehr von einer ermordeten Frau fasziniert ist, dass er einem Unschuldigen den Mord in die Schuhe schiebt, damit jemand dafür büßen muss. Weitere Rollen wie die des Teufels in Ernst Lubitschs HEAVEN CAN WAIT schlossen sich an, bevor er 1944 mit THE LODGER einen Überraschungserfolg hatte, der von Publikum, Kritik und Studio so gut angenommen wurde, dass man ein ähnliches Projekt anging, HANGOVER SQUARE, in dem das Erfolgsteam bestehend aus Cregar, Brahm und Lyndon erneut tätig wurde.

Doch Cregar erlebte die Premiere dieses Films nicht mehr. Der knapp zwei Meter große Schauspieler hatte immer Befürchtungen, dass er auf die Rolle des Schurken festgelegt werden könnte. Zudem wünschte er sich, die Rollen von Romantic Leading Men zu spielen. Doch dafür musste er abnehmen. Cregar wog 132 Kilogramm und nahm in extrem kurzer Zeit in einer brutalen und nicht überwachten Crash-Diät 44 Kilogramm ab. Für seinen Körper war dies zu fiel. Sein Magen rebellierte und Cregar musste sich einer Operation unterziehen. Nur wenige Tage nach der Operation, am 9. Dezember 1944, gab sein Herz auf. Laird Cregar starb an einer massiven Herzattacke.

THE LODGER ist ein fantastischer Film. Gotischer Horror, der als einer der ersten Vertreter des psychologisch motivierten Genre-Films daherkommt und ein Thema aufgreift, das erst Jahre später mit Alfred Hitchcocks PSYCHO kinematografisch salonfähig gemacht wurde. Die von Savoy erschienene DVD ist hervorragend geworden. Über Bild und Ton dieses fast 65 Jahre alten Films kann man nicht klagen. Hervorragend ist das Bonusmaterial. Eine Featurette beschäftigt sich mit dem Film, Laird Cregar und dem filmischen Jack the Ripper, wobei hier Filmhistoriker wie Greg Mank, Drehbuchautoren wie Christopher Wicking und Autoren wie Kim Newman zu Wort kommen. Die Bildergalerie umfasst viele Plakatmotive, aber auch Hinter-den-Kulissen-Fotos. Außerdem gibt es einen Audiokommentar der Filmhistoriker Alain Silver und James Ursini. Abgerundet wird das alles durch den Trailer und ein FSK-Logo-freies Wendecover.

Psycho: Ein Vermächtnis

Ich bin gerade über den Trailer zur 90-minütigen Dokumentation THE PSYCHO LEGACY gestolpert. Autor und Regisseur Robert V. Galluzzo wird sich hier nicht nur mit Alfred Hitchcocks bahnbrechendem Original, sondern auch den Sequels und weiteren Inkarnationen beschäftigen. Neben Archivmaterial mit bislang unveröffentlichten Anthony-Perkins-Interviews wurden einige der an den Filmen beteiligten Schauspieler befragt. Außerdem kommen verschiedene Filmemacher zu Wort und erklären, wie PSYCHO sie beeinflußt hat.

Die Liste der Interviewten kann sich sehen lassen: Robert Loggia, Henry Thomas, Olivia Hussey, Jeff Fahey, Tom Holland, Stuart Gordon, Mick Garris und David J. Schow, um nur ein paar Namen zu nennen.

Wann der Film auf DVD zu haben ist, ist noch unklar, versprochen sind aber schon mehr als drei Stunden an Bonusmaterial.

Auf THE PSYCHO LEGACY freue ich mich enorm, ist PSYCHO doch einer meiner liebsten Filme. Und auch einer jener Filme, die es wirklich verstehen, Angst zu verbreiten.

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