Es ist durchaus interessant, wenn ein Filmemacher sein typisches Betätigungsfeld hinter sich lässt und sich an etwas Neuem versucht. Steven Soderbergh hatte Lust und Interesse, einen handfesten Actionfilm zu inszenieren. Nicht unbedingt das, woran man als erstes denkt, wenn man seinen Namen hört. Aber per se ist das nicht uninteressant, kann man doch beobachten, ob die typische Kälte und Distanziertheit, die seine Arbeiten auszeichnen, auch in einem Actionformat Erkennungsmerkmal sind.
Mallory Kane (Gina Carano) arbeitet für die CIA und hat in ihrem Leben schon zahlreiche schmutzige Aufträge absolviert. Sie ist eine der besten, die immer dann geholt wird, wenn es besonders brenzlig ist. Wenn jemand sterben oder verschwinden muss, dann schickt man Mallory.
Zahlreiche Jobs hat sie schon hinter sich gebracht, ohne ihre Taten zu bereuen. Nicht weil sie glaubt, immer im Auftrag des Guten zu töten, sondern weil sie der Schlag Mensch ist, der in diesem Leben ganz und gar aufgeht.
Ihr neuer Auftrag führt sie nach Barcelona und anschließend nach Dublin. In Dublin tötet sie einen Mann, wie es ihr von ihrem Verbindungsmann Kenneth (Ewan McGregor) aufgetragen wurde. Doch damit hat sie auch ihr eigenes Todesurteil unterschrieben, denn offenbar ist sie als Sündenbock aufgebaut worden. Nun ist es Mallory, die von Killern gejagt wird und sich bis in die USA durchschlägt, wo sie beschließt, dass es an der Zeit ist, das Fliehen zu beenden. Sie ist bereit zurückzuschlagen und macht nun ihrerseits Jagd auf die Männer, die sie verraten haben.
Die Hauptgeschichte von „Haywire“ ist, dass eine Auftragskillerin verraten wird und nun ihrerseits gegen die Männer vorgeht, die sie ins Verderben stürzen wollten. Nur: Diese Geschichte beginnt eigentlich erst nach einer knappen Stunde.
Zwar hat man die Einführung, in der unsere Heldin – und den Begriff kann man hier nur im weiteren Sinne anwenden – gegen Channing Tatum kämpfen muss und dann flieht, aber ansonsten zeichnet sich die erste Stunde nur durch lange Rückblenden aus.
So erzählt der Film sehr ausführlich, was sich in Barcelona und Dublin getan hat. Das wäre als Unterbau nicht schlecht, wenn er etwas schneller zum Punkt kommen würde. Denn für die eigentliche Geschichte sind diese vergangenen Sequenzen reichlich unwichtig. Und das umso mehr, da man an ihnen alleine auch nicht erkennen kann, weswegen Mallory nun zum Sündenbock wird. Die Aufklärung gibt es erst in den letzten Minuten.
Man könnte argumentieren, dass das, was Soderbergh an dem Drehbuch ansprach, diese Abkehr von einer konventionellen Erzählweise war, aber letzten Endes scheitert der Film daran, dass diese erste Stunde irrelevant und langweilig ist. Gäbe es nicht ein paar gelungene Actioneinlagen, man würde im Kino sanft entschlummern.
Dass mit der Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Gina Carano keine Schauspielerin die Hauptrolle übernommen hat, ist so schlimm nicht. Sie ist nicht gut. Darüber muss man nicht diskutieren. Aber mit der stoischen Mimik und der gefühlskalten Darbietung der Dialoge passt sie für die Rolle, die sie hier zu interpretieren hat. Wichtiger ist jedoch noch, dass sie in Action grandios aussieht.
Die Kampfeinlagen sind auch die einzigen echten Highlights von „Haywire“. Speziell die Kämpfe Mann-gegen-Frau weisen eine Intensität und Authentizität auf, die den Film in diesen Momenten richtig lebendig werden lässt. Wunderbar der Kampf zwischen Carano und Michael Fassbender im Hotelzimmer. Das sieht nicht stilisiert, nicht übertrieben aus, weist aber schon filmische Ästhetik auf.
Eine der besten Sequenzen findet sich am relativen Anfang des Films, als Mallory und ihre Begleiter ihre Mission in Barcelona durchziehen. Soderbergh hat hier die Dialoge entfernt und die Geräuschkulisse gedämpft. Über mehrere Minuten hinweg ist es nur die Musik, die das Ganze untermalt. Das mutet an wie ein Stummfilm, aber mit der rasanten Darstellung schneller Schnittfolgen.
Leider gibt es solche Szenen im Film nicht häufig. Zumeist herrscht einfach gähnende Langeweile, über die auch das namhafte Ensemble nicht hinwegtäuscht. Dass sich hier Schauspieler wie Michael Douglas, Ewan McGregor, Michael Fassbender oder Antonio Banderas einfinden, liegt wohl einzig und allein daran, dass sie mit Soderbergh arbeiten wollten. Denn Substanz hat keine einzige Rolle. Daran liegt es aber auch, dass jeder dieser an sich guten Schauspieler farblos bleibt.
„Haywire“ kann als misslungenes Experiment bezeichnet werden, das daran leidet, dass ein Regisseur, der mit seiner Art der Inszenierung, aber auch seinen filmischen Interessen besser bei Dramen aufgehoben ist, unbedingt einen Actionfilm drehen wollte.
Ein paar visuelle Sperenzchen heben „Haywire“ von anderen Genre-Produktionen ab, aber das allein reicht auch nicht, um das Interesse des Zuschauers über gerade mal knapp 90 Minuten zu binden. “Haywire” ist relativ kurz, und dennoch könnte man die gefühlte Laufzeit auf gut drei Stunden taxieren.
Bei einzelnen Actionmomenten erwacht man als Zuschauer aus der Lethargie, die dieser Film auslöst, und beobachtet milde interessiert, wie sich Männlein und Weiblein kräftig gegenseitig einschenken. Das hat dann schon Dynamik, aber es ist zu wenig, um diesen Film auch nur in die Nähe von akzeptablem Mittelmaß zu rücken.
Letzten Endes stimmt der alte Spruch: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ In dem Sinne: Nächstes Mal wieder ein Drama, Herr Soderbergh, dann klappt’s auch mit dem Zuschauer.