ALCATRAZ ist eine neue, von J.J. Abrams produzierte Serie, die sich anschickt, das neue LOST zu werden. Zumindest fängt sie ähnlich mysteriös an und könnte – so es auch hier keinen Masterplan gibt – am Ende mit einer viele Zuschauer enttäuschenden Auflösung daherkommen. Doch von Anfang an:
Im Jahr 1963, kurz bevor Alcatraz als Gefängnis geschlossen werden sollte, verschwanden von einem Moment zum nächsten mehr als 300 Häftlinge und Wächter und wurden nie wieder gesehen. Die Regierung vertuschte dies und ließ es so aussehen, als seien die Häftlinge in andere Gefängnisse überstellt worden und dort im Lauf der Jahre gestorben. Doch nun kommen diese Häftlinge einer nach dem anderen zurück. Knapp 50 Jahre nach ihrem Verschwinden sind sie noch so jung wie eh und je. Das Problem: Diese Verbrecher folgen ihren alten Mustern und sind gefährlich. Doch damit nicht genug: Wer auch immer sie geschickt hat, verfolgt einen Plan und nutzt diese Männer, um unliebsame Menschen aus dem Weg zu räumen.
Emerson Hauser arbeitet für eine geheime Regierungsbehörde. Schon seit Jahren wartet man darauf, dass die 1963er zurückkehren. Nun, da es soweit ist, rekrutiert Hauser – ein wenig unwillig, aber letzten Endes doch ohne größere Probleme – die Polizistin Rebecca Madsen, deren Großvater einer der 1963er ist, und Dr. Diego Soto, eine Koryphäe, was Alcatraz und seine Insassen betrifft. Gemeinsam versuchen sie, dem Geheimnis der 1963er auf die Spur zu kommen und die Verbrecher davon abzuhalten, erneut zu morden.
Dass ALCATRAZ besonders auch an LOST erinnert, liegt in der Struktur begründet. In den einzelnen Folgen gibt es immer wieder Rückblicke in die frühen 60er Jahre, die dann zeigen, wie die Häftlinge, die nun in der Gegenwart für Ärger sorgen, nach Alcatraz kamen oder wie sie sich dort benahmen. Das kann sehr schnell zur Formel werden. Nach bisher zwei Folgen ist es noch in Ordnung, aber dann wird sich zeigen müssen, wie die Autoren dieses Mysterium ausbauen und in welche Richtung es geht.
Schon frühzeitig werden ein paar interessante Rätsel geboten. So etwa die Figur Hauser. Der von Sam Neill gespielte Leiter der namenlosen Behörde war schon 1963 in Alcatraz als junger Wachmann dabei (und müsste demnach deutlich älter sein, als es Neill ist). Zudem hat er irgendwo im nirgendwo – genauer: im Wald – ein privates Gefängnis, in das die Alcatraz-Rückkehrer eingesperrt werden. Hinweise darauf, wer oder was hinter diesem Phänomen stecken könnte, gibt es noch keine, dafür wartet das Ende der zweiten Folge aber immerhin mit einer Überraschung auf, taucht eine Figur doch 1963 ebenso unverändert auf, wie sie es 2012 ist, als sie für Hauser arbeitet. Ganz und gar nicht überraschend ist hingegen, dass die Polizistin einen persönlichen Grund hat, sich zu engagieren. Und das sogar in doppelter Hinsicht, denn in den ersten Minuten der ersten Folge wird ihr Partner getötet – von ihrem aus dem Limbo zurückgekehrten Großvater.
Die Schauspieler sind gut, allerdings werden sie auch nicht besonders gefordert. Sam Neill hat schon des Öfteren geheimnisvolle Typen gespielt und Jorge Garcia ist als Diego Soto praktisch der Schwippschwager von Hurley. Da passt es doch auch, dass sich beider Leben um eine Insel dreht. Die weitgehend unbekannte Sarah Jones als Detective Madsen schlägt sich gut und wirkt erfrischend normal.
Auffällig an der ersten Folge ist, dass alles etwas sehr leicht von der Hand geht. Rebecca und Diego sind in Nullkommanix Teil der ominösen Organisation. Dies geht sogar so schnell vonstatten, dass man wohl erwarten muss, hier noch eine Überraschung zu erleben. Und wenn es die nicht gibt, dann haben es sich die Autoren einfach ganz leicht gemacht.
ALCATRAZ fängt gut, aber alles andere als spektakulär an. In weiten Teilen fühlt sie sich an, als handele es sich bei ihr eh nur um eine weitere Cop-Show, die mit ein paar SF-Elementen aufgepeppt wird. Die Schauspieler sind gut, eine richtige Dynamik stellt sich aber nicht sofort ein. Und: Eine Nebenfigur (zumindest steht das zu vermuten) ist um Welten interessanter als die Hauptfiguren. Jeffrey Pierce spielt Häftling Jack Sylvane und strahlt nicht nur eine Gefährlichkeit, sondern auch eine Traurigkeit aus, womit er mehr Emotion bietet, als die drei Hauptfiguren zusammen.
ALCATRAZ könnte richtig gut werden, muss aber nicht. Für ein endgültiges Urteil ist es zu früh. Am Ende der ersten Staffel sind wir wohl schlauer. Bleibt nur zu hoffen, dass es am Serienende nicht heißt: “Um das Mysterium ging es doch nie. Es geht um die Charaktere.”




















