Ich habe gerade THE BOX gesehen. Darin geht es um Norma und Arthur Lewis, die von Mr. Steward ein unmoralisches Angebot erhalten. Er gibt ihnen eine Box mit einem Knopf darauf. Drücken sie den Knopf, wird irgendwo auf der Welt jemand sterben, den sie nicht kennen. Aber sie erhalten dafür eine Million Dollar. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte “Button, Button” von Richard Matheson, wurde aber von Richard Kelly stark ausgeweitet. In der originalen Geschichte geht es nur um die Frage, ob man den Knopf drücken soll oder nicht. Und als Norma dies tut, stirbt Arthur, durch dessen Lebensversicherung sie zu Geld kommt. Norma versteht dies nicht, aber Mr. Steward erklärt ihr, dass sie doch nicht wirklich glaubte, ihren Mann zu kennen? In Kellys Film wird die Geschichte weiter aufgezogen. Er baut einen mythologischen Background auf, der nicht weiter erläutert wird, der außeriridischer oder überirdischer Natur sein könnte. Doch darum geht es eigentlich nicht. Denn hier wie dort kommt das Drücken des Knopfes mit einem Preis. Und der wiegt weit schwerer als ein von Gram gebeugtes Gewissen. Die Brücke zur originalen Geschichte schlägt Kelly, weil er Arthur darüber reden lässt, ob Norma die Menschen in ihrer Umgebung wirklich kennt.

THE BOX hat seine Makel, aber die Grundidee überzeugt. So erscheint der Film vergleichsweise ereignislos, aber es ist die Gedankenwelt, die fasziniert. Das ist allen Adaptionen von Richard Mathesons Geschichte inne. Sie wurde auch für die erste Staffel der 80er-Jahre-Neuauflage von TWILIGHT ZONE umgesetzt, dort aber deutlich verändert. Aber auch dieser Version der Geschichte erweist Kelly seine Reverenz. Sie endete damit, dass Mr. Steward den Lewises erklärt, dass nun jemand anderes die Box erhalten wird. Jemand, von dem er ihnen versichern kann, dass sie ihn nicht kennen.

Kellys Film ist vielleicht etwas überlang – und er hätte den phantastischen Aspekt mit dem Background zu Mr. Steward nicht wirklich benötigt -, aber er zieht in den Bann, weil man sich während des Schauens mit der Frage beschäftigt, was man an Stelle von Norma und Arthur tun würde. Der Gedanke sofortigen Reichtums ist verlockend. Einen Menschen, den man nicht kennt, über die Klinge springen zu lassen, scheint ein nur geringer Preis zu sein. Sicher, man hätte ein schlechtes Gewissen, aber hielte dies wirklich vor? Immerhin wüsste man nicht einmal, wer wie gestorben ist. Ich glaube, so einen Tod zu verursachen, ist zu abstrakt, als dass ein Mensch dadurch in starke Gewissensnöte kommt. Man könnte sich schließlich einreden, dass es nie passiert ist. Dass alles nur ein Trick war. Dass die Box nicht über die Macht verfügt, jemanden zu töten. Der gesunde Menschenverstand unterstützt dies, ist die Kiste in THE BOX doch leer. Sie ist nur ein Knopf. Nicht mehr.

Vielleicht ist es auch eine zynische Sicht auf die Welt, aber der Tod, der nicht an unserer Tür klopft, der niemanden trifft, den wir kennen, der annonym bleibt, ist zwar in der Theorie tragisch, für das persönliche Leben aber wohl irrelevant. Sicher, es ist ein hässlicher Gedanke, aber meiner Meinung nach einer, von dem sich niemand befreien könnte. Und das macht das unmoralische Angebot des Mr. Steward so verdammt erschreckend. Ich glaube, kaum jemand würde es ablehnen.

Denn niemand würde sich um die Konsequenzen Gedanken machen. Ein Leben verlischt, aber was ist das schon bei mehr als sieben Milliarden? Und vielleicht wäre die Person ja ohnehin gestorben. All diese Gedanken wiederum verhindern in den verschiedenen Formen der Geschichte, dass die Geprüften sich fragen, warum ihnen dieses Angebot unterbreitet wird. In jeder Version der Geschichte kommt die Enscheidung, den Knopf zu drücken mit einer tragischen Konsequenz, sei es ein Leben in Unsicherheit, der Tod des eigenen Mannes oder der Zwang, einen Menschen, den man kennt und liebt, töten zu müssen, um einen anderen zu retten. Wer auch immer mit der Box in Kontakt gerät, ist letzten Endes verdammt.

In Kellys Film gibt es eine vage Erklärung für die Prüfung. Man erfährt nicht, wer Mr. Stewards Auftraggeber sind, aber man erfährt, dass es um einen Altruismus-Quotienten geht. Die Tests laufen solange fort, bis erkennbar ist, wie der Mensch als Spezies handelt. Im Klartext heißt das: Drücken zuviele den Knopf, verdammen sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschheit, denn diese wird als nicht überlebensfähig eingestuft und wird dann vom Angesicht der Erde getilgt. In Kellys Geschichte nimmt die Handlung religiöse Motive an. Man könnte aufgrund des Settings mit NASA und Mars-Landung argumentieren, Mr. Steward handle im Auftrag von Außerirdischen. Weit stimmiger ist jedoch die religiöse Sicht. Mr. Steward handelt im Auftrag Gottes. Er ist die Schlange, die verführen soll. Und gleichzeitig ist er Abraham, der in Sodom und Gomorrha nach zehn Gerechten sucht. Ob er die findet, ist fraglich. Der Film zeigt uns nur drei der Tests, aber bei jedem einzelnen wird der Knopf gedrückt.

Eine weitere Version der Geschichte gibt es mit dem australischen Kurzfilm BLACK BUTTON. Zwar berufen sich die Macher darauf, Mathesons Geschichte nicht zu kennen, aber die Ähnlichkeiten sind frappierend. Mit Ausnahme des Endes: Denn in BLACK BUTTON entscheidet man sich ebenfalls für die religiöse Komponente, auch wenn die Umstände deutlich anders sind. Hier ist das Dilemma, den Knopf zu drücken oder es sein zu lassen, aber ebenfalls mit einem verheerenden Preis verbunden, den der “Proband” nicht kennt.

Bleibt die Frage, wie würde man sich selbst verhalten. Würdet ihr den Knopf drücken? Würde ich den Knopf drücken? Hm, wäre ich Amerikaner, würde ich mich auf den fünften Verfassungszusatz berufen…
TWILIGHT ZONE: Button, Button
BLACK BUTTON
THE BOX Trailer