Christopher Nolans Traum von der Zukunft: INTERSTELLAR

Christopher Nolan erzählt vom Kleinen im Großen. Oder dem Großen im Kleinen. Sein INTERSTELLAR ist eine Geschichte von immensen Ausmaßen. Sie führt durch Raum und Zeit, trennt Menschen und Schicksale, und lebt doch davon, eine immense Nähe der Figuren zueinander aufzubauen. Nolans Geschichte ist die eines Endes und eines Anfangs – und alles, was dazwischen liegt.

Interstellar-2014-Poster-Wallpaper-364x227Man kann INTERSTELLAR als Spektakel betrachten, als Film, der vom Ende der Menschheit berichtet, der dies aber auf eine leise, intime Art und Weise tut, ohne auf Materialschlachten setzen zu müssen. Es ist auch eine Geschichte, die ohne einen Antagonisten auskommt. Was auch immer die Reisenden in jener anderen Galaxie finden werden, zu der sie aufbrechen, das Böse ist es nicht. Das ist die Überzeugung der von Anne Hathaway gespielten Dr. Brand, das ist auch ein fundamentales Element dieses Films, der von einer zweiten Chance berichten will. Mehr noch, der davon berichten muss, und dessen einziges Anliegen es ist, den Zuschauer zu beseelen, ihn zu inspirieren und zu motivieren.

INTERSTELLAR ist das ganze große Kino der Emotionen, und das mit den kleinstmöglichen Momenten. Er ist großes Schauspielkino, und das nicht nur in Hinblick auf den grandios aufspielenden Matthew McConaughey, sondern auch das übrige Ensemble. Bis in die kleinsten Nebenrollen spielt man sich hier die Seele aus dem Leib. Aber McConaughey ist es, der allen die Show stiehlt. Es gibt einen Moment, der nur von seiner Reaktion lebt. Im Gesicht seiner Figur Cooper sieht man grenzenlose Freude und unfassbaren Schmerz. McConaughey spielt das nicht, er fühlt es, und wir als Zuschauer werden von der emotionalen Kraft dieser Szene mitgerissen. Wer hier keine wässrigen Augen bekommt, der ist längst verloren.

Nolans Film ist ein Manifest dessen, was der Mensch sein soll, was er sein könnte und was er sein müsste. Er strahlt trotz dem, was auf dem Spiel steht, einen grenzenlosen Optimismus aus, der sich in nichts besser ausdrückt, als dieser Textzeile: „We used to look up at the sky and wonder at our place in the stars, now we just look down and worry about our place in the dirt.“

Cooper sagt das in totaler Resignation. Nolan lässt es ihn sagen, um den Zuschauer aufzurütteln. Weil der Regisseur erkannt hat, dass wir an einem Scheidepunkt stehen. Er spinnt das Gebilde einer nahen Zukunft, in der Getreide kaum noch wächst und Sandstürme das Leben zur Tortur machen. Der Raubbau am Planeten hat zur einzigen logischen Konsequenz geführt: dem langsamen Absterben der Menschheit, deren letzte Generation verhungern wird. Und wer nicht verhungert, der erstickt. Es ist eine überspitzte Version dessen, worauf unsere Welt zusteuert. Ein Kommentar auf eine Welt, die das Träumen aufgegeben hat, die nur noch von Sachverwaltern regiert wird. Wo einst Vision, Ambition und Träume den menschlichen Geist ausmachten, wo Forscherdrang und der unstillbare Durst nach neuen Erkenntnissen den Weg nach draußen, in die Ferne vorgezeichnet haben, ist nur noch das Kleinklein einer durchorganisierten Welt geblieben. Ein Leben im Dreck, das kein Leben mehr ist.

Sieht man sich die tagtäglichen Nachrichten an, mit all dem Leid, all dem Grauen, all dem, was den Menschen so hässlich werden lässt, dann kann man an der Menschheit als Ganzes verzweifeln. Es ist schwer, sich die Unruheherde dieser Welt anzusehen, und nicht in Zynismus zu verfallen. Aber INTERSTELLAR entfacht den Funken im Zuschauer neu. Er lässt ihn glauben, dass wir mehr sein können, als wir sind, dass wir einen Auftrag haben, den wir längst noch nicht erfüllt haben. Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber wir sind nicht dafür bestimmt, auf ihr zu vergehen. Die Saat der Menschheit soll, nein, muss hinausgetragen werden. Ist man religiös, mag man es als göttlichen Auftrag sehen, ist man das nicht, bleibt der evolutionäre Auftrag. Im Kern ist es gleich, warum es geschieht, aber es muss geschehen. Der Weg muss zu den Sternen führen, zu neuen Welten, zu neuen Chancen, die Menschheit auf ein Podest zu hieven, das sie hier niemals erreichen wird.

Das ist es, was INTERSTELLAR zu erreichen hofft. Er fordert das Publikum auf, wieder zu träumen. Von den ganz großen Visionen, aber auch den kleinen Dingen. Es geht nicht nur um die Errettung der Menschheit, es geht auch um eine Vater-Tochter-Beziehung, die so stark ist, dass sie Raum und Zeit überwindet. INTERSTALLAR zeugt von der Macht der Liebe, erzählt von Menschen, die gerade, weil sie so sehr lieben, alles aufzugeben bereit sind. Das gilt für Dr. Brand, das gilt aber noch mehr für Cooper, dem die Zeit durch die Hände rinnt, der es nicht miterlebt, der aber weiß, dass er in seinem Zustand gefangen ist, während seine Kinder unaufhörlich altern. Das ist eine Zerreißprobe für die Hauptfigur, aber auch den Zuschauer, den McConaughey in die Gefühlswelt der Hauptfigur hineinzieht. Man leidet mit Cooper.

Aber so groß der Schmerz auch ist, INTERSTELLAR ist von purer Hoffnung durchdrungen. Er verweigert es seinen Figuren zu verzweifeln. Sie kämpfen, auch wenn längst alles verloren scheint.

INTERSTELLAR ist ein Meisterwerk, ein brillanter Film, der von Hans Zimmers sphärenhaften Orgelklängen getragen wird. Sie künden vom Ende und Anfang, haben sakralen Charakter und unterstreichen die Epik dieses Films. Über fast drei Stunden hinweg entführt Nolan in eine andere Welt, die der unseren so ähnlich ist. Es ist sein 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM, nur nicht kalt, sondern warm. Emotional, zuversichtlich, menschlich. Das Werk eines Träumers, der die Fertigkeiten eines vollendeten Erzählers besitzt, der auch den Mut hat, eine Geschichte so kühn zu konstruieren, dass er auf das Verständnis des Publikums setzt, wenn es um komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge geht, der es auch wagt, eine Art göttliches Prinzip als Auslöser zu nehmen, das letzten Endes nur sagt: Der Mensch wird sein eigener Gott.

Nolan ist ein Träumer. Sein Film ist Gestalt gewordene Inspiration. Die Aufforderung, sich im Großen wie auch im Kleinen zu engagieren, die Welt zu verändern, sich selbst zu verändern, die eigene Art voranzubringen – ohne auf den eigenen Vorteil zu achten, sondern einfach nur, weil es eine verdammte Pflicht ist. INTERSTELLAR ist ein unfassbares Biest. Ein Film, der weit darüber hinausgeht, ein Gedanke, den Nolan seinem Publikum einpflanzt, einer „Inception“ gleich, wenn man so will.

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