Captain America: 2011

Ich hatte schon angemerkt, dass mich die Trailer zu CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER einigermaßen kalt gelassen haben. Sie deuteten auf einen soliden, aber wenig spektakulären Film hin. Dazu kam, dass das Kostüm auch nicht ganz dem entspricht, was ich mir vorstelle. Es ist kein Totalausfall, aber irgendwie einfach nicht völlig überzeugend. Auf der Plus-Seite hat man jedoch Joe Johnston, dessen ROCKETEER ich liebe und der mit diesem Film auch bewiesen hat, dass er durchaus das richtige filmische Gefühl für die 30er und 40er Jahre hat. Ich saß also wenig erwartungsfroh im Kino, aber das Gute daran ist, wenn man allenfalls solide Unterhaltung erwartet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man überrascht werden kann. Positiv.

Die Story: In ganz Europa tobt der Zweite Weltkrieg und richtet unendliche Verwüstung an. Der junge Steve Rogers (Chris Evans) ist fest entschlossen, sein Land im Kampf um Frieden und Freiheit zu unterstützen, doch seine Körperkraft reicht für den gefährlichen Kriegseinsatz nicht aus. Unbeirrt stellt er sich nach seiner Ausmusterung für eine mysteriöse Versuchsreihe zur Verfügung: Das „Super-Soldier“-Programm macht aus dem unscheinbaren Mann eine unschlagbare menschliche Waffe – Captain America ist geboren! Kaum ist der neue Kriegsheld auf dem umkämpften Kontinent angekommen, steht ihm die bisher größte Prüfung seines Lebens bevor: Der Kampf gegen Nazi-Agent Red Skull (Hugo Weaving).

CAPTAIN AMERICA ist ein guter Film. Mehr als solide. Schön. Ein period piece, dem gelingt, was vielen in den 40er Jahren angesiedelten Filmen oftmals missglückt: Er fühlt sich herrlich zeitgenössisch an. Ein wenig erinnert das Ganze an ein Indiana-Jones-Abenteuer, nur dass CAPTAIN AMERICA keine Cliffhanger-Struktur nutzt. Der Film hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er erzählt seine Geschichte mit viel Esprit. Wichtig hierfür ist die Besetzung. Konnte man auch bei Chris Evans im Vorfeld grübeln, ob er der Richtige ist, so werden sämtliche Bedenken schon in den ersten Minuten zerstäubt. Nichts erinnert mehr an seine kalauernden Auftritte als Johnny Storm. Im Gegenteil: Er hat ein ausgesprochen klassisches Gesicht. Ihm nimmt man ab, dass er in den 40er Jahren lebt.

Die narrative Struktur des Films ergibt sich fast von selbst. Der Ursprung von Captain America muss beleuchtet werden, dies geschieht aber nicht dröge und langgezogen, sondern sehr dramatisch. Es ist dies im Grunde mehr ein Film über Steve Rogers als über Captain America. In einer Szene fragt der Red Skull den Captain, was ihn so besonders macht, woraufhin er antwortet: „Ich bin nur ein Junge aus Brooklyn.“ Das trifft es auf den Punkt. Steve Rogers ist das Bestmögliche dessen, was ein Mensch sein kann. Nicht körperlich, sondern geistig und seelisch. Das ist es, was ihn prädestiniert, zu Captain America zu werden, denn auch in diesem Film ist der Captain nicht nur der Champion einer Nation, sondern ein strahlendes Symbol des Guten, das Landesgrenzen überwindet.

Die Umstände, warum Steve Rogers der einzige Supersoldat bleibt, führe ich hier nicht aus. Bemerkenswert an der Geschichte ist jedoch, dass Captain America nicht sofort nach seiner Erschaffung in den Einsatz geschickt wird. Im Gegenteil, die Geschichte wartet mit einer durchaus glaubwürdigen Entwicklung auf, der man eine spritzige Musical-Nummer und einen schwarzweißen Ausschnitt eines Cap-Films zu verdanken hat. Nach seiner Erschaffung ist Captain America zwar in der Propaganda ein strahlender Held, im wahren Leben jedoch noch nicht. Das gibt der Figur Steve Rogers Raum zur Entwicklung, um der zu werden, der er sein soll: eine lebende Legende.

Der Film setzt vor allem auf Dramatik, bietet jedoch auch immer wieder kleine Lacher zwischen durch. Besonders die trockenen Sprüche von Tommy Lee Jones als Colonel Chester Phillips sind herrlich geraten. Dazu gibt es einige tolle Charaktermomente, die Chris Evans und Stanley Tucci – seines Zeichens vielleicht der beste Nebendarsteller, den es zurzeit gibt – miteinander teilen. Generell ist die Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen sehr gelungen. Hugo Weaving als Red Skull ist formidabel, genau die Art Herrenmensch, die als perfekter Gegenpol zu Captain America fungiert. Es mag ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, dass die Nazis rund um den Red Skull alle Englisch sprechen (mit deutschem Akzent; dies aber sehr gut, was vor allem für Weaving gilt), aber wirklich stören tut es nicht.

Ich habe an den Trailers bemangelt, dass sie keine Money Shots zeigen. Geschieht dies nicht, dann oftmals, weil es solche im Film auch nicht gibt. Das gilt im Grunde auch für CAPTAIN AMERICA, denn obwohl der Film in keiner Sekunde billig aussieht, setzt er beiweitem nicht auf visuelles Spektakel wie es beispielsweise THOR getan hat. Sicher gibt es viel Action, so etwa als Captain America seinen Kumpel und dessen Kameraden aus den Händen des Red Skull befreit und die ganze Anlage zerlegt wird, aber Bombast ist das nicht. Er ist aber auch nicht nötig. Die Geschichte kommt sehr geerdet daher. Sie hat in ihren Action-Sequenzen ein gewisses Maß an Realismus aufzuweisen. Das Ergebnis ist ein handfester, sehr ehrlich anmutender Actionfilm und damit etwas, das es im Blockbuster-Kino eher selten gibt.

Dreh- und Angelpunkt der Macht des Red Skull ist der Kosmische Würfel. Diesen gibt es auch in den Comics, aber was er genau ist und was er kann, bleibt einigermaßen schwammig. Anders als in den Comics wird hier postuliert, dass er Odin gehört, was den Film mit THOR verbindet – man denke nur an die Nachspannsequenz beim Film des Donnergottes. Das Finale, das ich hier nicht spoilern will, erscheint etwas diffus und wirr. Es hat mit dem Würfel zu tun, aber auch hier weiß man nicht, warum er tut, was er tut. Mehr noch: Ein Ausblick auf den Kosmos könnte allenfalls noch THOR-Zuschauer halbwegs eine Ahnung geben, was hier passieren mag. Aber nur auf CAPTAIN AMERICA schielend, könnte man hier den Eindruck haben, dass sich der Film im Höhepunkt plötzlich mit einem Deus-Ex-Machina-Moment davonstiehlt.

CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER ist ein ausgewogen gestalteter, die verschiedenen Anforderungen eines Superheldenstoffs jonglierender Film. Im Grunde ist er der erste Superhelden-Kriegsfilm. Kurz gesagt: Eine positive Überraschung in diesem an negativen Überraschungen sehr reichem Kinosommer. Zudem stellt der Film unter Beweis, dass Marvel die besseren Superheldenfilme macht. Da kann man sich bei Warner/DC noch was abschauen, denn abseits von Chris Nolan kriegt man dort einfach nichts gebacken. Aber sei dem, wie dem sei, CAPTAIN AMERICA macht Spaß. Er ist sozusagen die teure und bessere Version des Films aus dem Jahr 1990. Für Fans ein großer Spaß.

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4 Antworten auf Captain America: 2011

  1. Dominik sagt:

    Schade. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, diesen Film nicht sehen zu wollen, da ich einfach Null Bezug zum Captain habe. Jetzt muss ich das wohl doch noch mal überdenken…

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  4. DMJ sagt:

    Da ich den von mir sehr geschätzten „Thor“ im Kino verpasst habe, werde ich wohl auch hier nicht hingehen, aber schön zu hören, dass er taugt!

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