Interview: Buddy Giovinazzo

Ende letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Buddy Giovinazzo, der in den 80er Jahren COMBAT SHOCK drehte und seit Jahren nicht nur in Deutschland lebt, sondern auch hier arbeitet. Sein neuester Film, der TATORT „Rendezvous mit dem Tod“, lief am Sonntag in der ARD.

P.O.: Die erste Frage ist die offensichtliche: Wie kommt ein amerikanischer Filmemacher nach Berlin?

Buddy Giovinazzo: Eigentlich bin ich vor 13 Jahren nach Los Angeles gezogen, aber dort habe ich einen echten Kulturschock erlebt. Ich konnte mit Los Angeles nicht wirklich klarkommen und ich hatte eine Gelegenheit, nach Berlin zu ziehen. Für mich war das eine ganz natürlich kommende Entscheidung. Berlin ist wie New York. Nachdem ich zwei Wochen hier war, habe ich gesagt: Ich bleibe hier.

P.O.: Willst Du dann in Deutschland bleiben, oder glaubst Du, dass es Dich irgendwann wieder in die USA ziehen wird?

Buddy Giovinazzo: Nein, ich werde hier bleiben. Ich würde gerne in Amerika arbeiten. Hier mache ich die deutschen Krimis, die mir viel Spaß machen. Für mich wäre es natürlich am besten, meine eigenen Filme in Amerika zu drehen, aber ich möchte immer hier in Berlin leben. Meine Frau ist auch Deutsche und wir haben hier ein gutes Leben.

P.O.: In der IMDb findet man die Angabe, dass Du ein Drehbuch für CSI: NEW YORK geschrieben hast?

Buddy Giovinazzo: Das ist mein Cousin. Und das passiert ständig. Ab und zu werde ich bei der IMDb auch als Schauspieler genannt, aber das ist dann er.

P.O.: Du hast ja Filme in den USA gedreht und hier welche für das Fernsehen. Würdest Du sagen, dass es da nennenswerte Unterschiede gibt?

Buddy Giovinazzo: Ja, es ist überhaupt nicht das Gleiche. Noch nicht mal ähnlich. Hier hat man viel mehr kreative Freiheiten. Wenn man hier einen TATORT inszeniert, dann ist das das, als würde man in den USA einen Independent-Film machen. Hier in Deutschland will man immer noch ein bisschen Kunst, während die Fernsehbranche in den USA für den Regisseur nichts bietet. Man ist dort nur ein „Director for Hire“ und hat dort nichts zu sagen. Der Produzent ist der Chef. Andererseits verdient man dort vier- bis fünfmal so viel Geld wie hier. Aber das ist Schmerzensgeld – oder Schweigegeld. Man soll arbeiten, aber die Klappe halten. Hier kriegt man viel weniger Geld, aber hier kann ich ein Künstler sein.

P.O.: Du hast verschiedene TATORTE gemacht, wobei verschiedene Kommissare zum Zug kommen. Hast Du da Vorlieben, welche Kommissare im Mittelpunkt stehen?

Buddy Giovinazzo: Nein, ich mag die Filme gerade, weil sie so unterschiedlich sind. Ich finde, in Deutschland findet man viele der besten Schauspieler im Fernsehen. Ich habe gerade den Leipziger Tatort gemacht und die Schauspielerei ist hier wirklich toll. Ich mag die Schauspieler, ich muss aber auch das Drehbuch mögen. Wenn ich das Drehbuch gar nicht mag, dann mache ich auch den Film nicht. Aber wenn diese zwei Elemente stimmen, dann bin ich dabei.

P.O.: Hast Du selbst schon mal eine Story für einen TATORT gepitcht?

Buddy Giovinazzo: Nein, ich bin aber recht stark in die Drehbuchentwicklung involviert. Normalerweise kriege ich ein Drehbuch und das ist die erste oder zweite Fassung. Danach fragt man mich, ob ich den Film machen will. Und dann entstehen noch eine dritte oder vierte und manchmal auch fünfte Fassung und erst dann drehen wir.

P.O.: Du hast ja auch einige Romane geschrieben. POTSDAMER PLATZ soll verfilmt werden.

Buddy Giovinazzo: Ja. Hoffentlich.

P.O.: Angeblich sollte es ja schon dieses Jahr losgehen.

Buddy Giovinazzo: Bisher gibt es ein paar Angebote für Schauspieler. Einer ist Mickey Rourke, der andere ist Tom Hardy, ein großartiger Mime aus England. Wenn beide zusagen, sollte der Film bald gemacht werden. Aber man weiß es nicht. Das ist Hollywood. Es könnte passieren, es könnte nicht passieren.

P.O.: Hast Du das Drehbuch dazu geschrieben?

Buddy Giovinazzo: Von mir sind die ersten zwei Drehbuchfassungen, aber nach mir kamen andere Autoren. Das ist ganz normal für Hollywood. Die Grundgeschichte wird sicherlich bleiben, aber es könnte komplett anders sein als meine Version.

P.O.: Deinen Roman LIFE IS HOT IN CRACKTOWN hast Du selbst inszeniert. Ist der Film dann sehr nahe am Roman oder bist Du davon abgewichen?

Buddy Giovinazzo: Das ist interessant. Es ist supernah am Roman, aber die Struktur ist komplett anders. Das Buch hat kurze Geschichten, die nacheinander erzählt werden. Im Film passiert alles gleichzeitig. Wir schneiden von einer Geschichte zur nächsten und wieder zurück. Aber der Inhalt ist fast genauso wie beim Buch. Der Film ist sehr hart.

P.O.: Wie ist es dann, seine eigene Arbeit zu adaptieren?

Buddy Giovinazzo: In dem Fall war es für mich ein Traum. Normalerweise ist es so, wenn ich einen Roman schreibe, dann ist das aus meinem System raus. Ich habe dann schon mal ausgedrückt, was ich erzählen will. Dann hab ich kein Bedürfnis, einen Film draus zu machen, aber bei LIFE IS HOT IN CRACKTOWN wollte ich diesen Film sehen. Dieses Buch lebte mehr als ein Jahrzehnt in meinen Gedanken, denn es war schwer, die Finanzierung für den Film zusammenzubekommen.

P.O.: Klar, das ist natürlich kein Blockbuster-Thema.

Buddy Giovinazzo: Ja, stimmt, das ist kein Entertainment-Film. Aber ich bin ein gutes Publikum für meinen Film. Ich finde das unterhaltsam. Und ich hoffe, dass es genügend Leute wie mich gibt, die so etwas unterhaltsam finden.

P.O.: Sicherlich. Das gilt ja auch für Deinen ersten Film.

Buddy Giovinazzo: COMBAT SHOCK.

P.O.: Wie siehst Du den Film fast ein Vierteljahrhundert später im Rückblick?

Buddy Giovinazzo: (lacht) Ist interessant. Ich habe nie gedacht, dass dieser Film so lange nach seiner Entstehung noch angeschaut wird. Es war wie ein Studentenfilm damals. Ich war noch Student und ich hatte kein Geld, um den Film zu machen. Aber jedes Jahr werde ich wegen COMBAT SHOCK auf ein paar Festivals eingeladen. Ich denke, COMBAT SHOCK ist eine Vision von Amerika, die man so heute nicht mehr sieht.

P.O.: Wenn man sich den Film heute ansieht, dann ist er immer noch bemerkenswert. Die desolate Grundstimmung ist immer noch intensiv. Es ist wie ein Schlag in die Magengrube.

Buddy Giovinazzo: Der Film war meine Leidenschaft. Ich habe mein ganzes Herz und meine Seele in den Film gesteckt. Zu dem Zeitpunkt war ich filmtechnisch noch nicht sehr erfahren. Ich hatte ein paar Kurzfilme gedreht, aber noch nie einen Langfilm. Es war, als stünde ich im Dunkeln und würde nach meinem Weg suchen, aber ich hatte keine Ahnung, wo er mich hinführt.

Die Hauptfigur wurde von meinem Bruder gespielt. Und mein Bruder ist kein Schauspieler. Er hat vorher nichts gespielt, und danach auch nicht. Ich glaube auch für meinen Bruder war dieser Film eine Frage der Leidenschaft.

P.O.: Man hat auch das Gefühl, als würde die Figur wirklich leben. Es ist fast wie bei einer Dokumentation. Dein Bruder ist dabei in jeder Sekunde so gut, dass die Figur absolut real erscheint.

Buddy Giovinazzo: Komischerweise ist mein Bruder ein sehr sauberer Mensch. Er ist überhaupt kein Schlamper. Er sieht immer gut aus und alles muss immer schön aufgeräumt sein. Diese Rolle ist überhaupt nicht mein Bruder. In meiner Familie ist das ein echter Witz, weil Rick das komplette Gegenteil ist.

P.O.: Wie fandest Du damals die Werbekampagne von Troma für den Film? Der Trailer kam ja rüber, als wäre es der nächste RAMBO-Film.

Buddy Giovinazzo: (lacht) Ja, das war die Idee von Troma. Die hatten sich gedacht, RAMBO war sehr erfolgreich und es gab einen anderen Film, der P.O.W. –THE ESCAPE (mit David Carradine) hieß. Das war ein ganzes Genre mit dieser Art Filmen. Aber für Troma war COMBAT SHOCK ein totaler Versager. Keiner mochte diesen Film. Jeder im Publikum war enttäuscht nach der Vorführung. Die Leute beschwerten sich, dass es kein Actionfilm ist. Erst nach ein paar Jahren hat dieser Film sein Publikum gefunden und wurde nach fünf oder zehn Jahren zum Erfolg. Um fair zu sein, muss ich sagen, Troma hat den Film immer gemocht und dort hat man versucht, den Film kommerziell auszuwerten. Hast Du die Plakate gesehen?

P.O.: Die sehen wild aus, mit diesen muskelbepackten Action-Helden.

Buddy Giovinazzo: Ja, da sind Leute auf den Plakaten, die überhaupt nicht im Film sind. Aber für Troma war es eine Geschäftsentscheidung, ihn so zu vermarkten. Damals war Troma die einzige Firma, die diesen Film überhaupt rausbringen wollte.

P.O.: Denkst Du, es war damals schwerer, einen Verleih für den Film zu finden oder wäre es heute leichter?

Buddy Giovinazzo: Schwer zu sagen. Damals wollte den Film keiner. Ich habe fast ein Jahr nach einem Verleih gesucht, aber keiner war interessiert. Damals war auch die Arbeit am Film ganz anders. Wir hatten kein HD-Video, kein Final Cut Pro, alles war direkt auf Film. Und ich war auch nicht reich. Die Labore, aber auch das Filmmaterial kosteten sehr viel. Heute wäre es auf jeden Fall einfacher, einen Film wie COMBAT SHOCK zu machen.

P.O.: Ich muss sagen, dass der Film eine solch rohe Kraft entwickelt, dass man auch einfach übersieht, dass bei den Rückblicken eben kein Dschungel, wie man ihn sich bei Vietnam vorstellt, zu sehen ist.

Buddy Giovinazzo: Ja, die kleine Hütte, in der die Vietcong foltern – das war der Hinterhof des Hauses meiner Mutter. Wir waren auf dem Dach des Hauses und drehten von oben. Ich hatte meiner Mutter auch verboten, sechs Monate lang den Rasen zu mähen, so dass das Gras fast einen Meter hoch war. Bei manchen Szenen finde ich schon, dass es gut aussieht, aber bei anderen sehe ich schon, dass es wie Upstate New York aussieht.

P.O.: Sicher, man weiß aufgrund der Flora, dass es nicht Vietnam ist. Im Film nimmt man das aber hin. Es ist kein Störfaktor.

Buddy Giovinazzo: Für manche Leute, aber längst nicht für alle. Es gibt schon einige Kritiken zu COMBAT SHOCK, die das monieren. Man kann viel Negatives über den Film lesen. Das ist für mich auch interessant. Und manchmal ist es auch sehr lustig.

P.O.: War dann der Film eine Visitenkarte, die Du nutzen konntest, um Gespräche mit Produzenten zu bekommen oder neue Engagements zu erhalten?

Buddy Giovinazzo: Überhaupt nicht. Das war für mich schockierend. Ich habe gedacht, das ist meine Visitenkarte. Damals gab es Independent-Filmemacher wie John Waters oder John Sayles, deren erster Film eine Visitenkarte wurde. Bei denen hat es funktioniert. Bei mir war es das Gegenteil. Ich konnte keine Arbeit finden, nicht mal Low-Budget-Horrorfilme. Die Produzenten sahen sich COMBAT SHOCK an und dachten sich: „Oh Gott, ich will nicht, dass der sowas aus meinem Horrorfilm macht.“ Darum vergingen zwischen COMBAT SHOCK und meinem zweiten Film auch zehn Jahre. Für mich war es eine große Enttäuschung und ich verstehe auch heute noch nicht, warum das so gelaufen ist.

Aber COMBAT SHOCK galt in Amerika einfach gar nichts. Die Industrie sah ihn als schlecht gemacht an. Ich bin fassungslos, wenn ich darüber nachdenke.

P.O.: Eigentlich erstaunlich, wenn man an andere Leute wie David Lynch denkt, dessen ERASERHEAD ja auch ein schwieriger Film ist. Der Film wurde von ihm genutzt, um weiterzukommen, während COMBAT SHOCK ignoriert wurde.

Buddy Giovinazzo: ERASERHEAD ist ein Kunstwerk. Man liebt oder hasst den Film, aber man sieht, dass es ein Kunstwerk ist. Man könnte sagen, ERASERHEAD ist Rock’n’Roll und COMBAT SHOCK ist Punk. COMBAT SHOCK ist nicht so elegant. Er ist gar nicht elegant. Vielleicht ist er zu blutig und zu gewalttätig. Ich denke, in dieser Hinsicht war der Film zu realistisch, während ERASERHEAD wie ein Traum ist. Da gibt es zwar auch ekelhafte Momente, aber es fühlt sich nicht real an, ist immer ein Traum. COMBAT SHOCK war da anders. Typen wie in COMBAT SHOCK konnte man damals auf der Straße in New York zuhauf sehen. Mein Film war nie Unterhaltung.

Frage: Auf einer DVD hab ich mal vor Jahren den kurzen Promo-Film MANIAC 2: MR. ROBBIE gesehen. Wie kam es denn dazu?

Buddy Giovinazzo: Das ist eine interessante Geschichte. Der Beleuchter von COMBAT SHOCK kannte Bill Lustig und erzählte mir, dass dieser MANIAC 2 nicht machen wollte. Und er sagte mir, dass Joe Spinell jeden Tag in dieser einen Bar in Uptown New York ist und zurzeit nach einem Regisseur für den zweiten Teil sucht. Ich hatte dann die Telefonnummer von dieser Bar und rief dort an. Dann fragte ich, ob Joe Spinell da ist. Er war da und dann stellte ich mich ihm vor und sagte, dass ich gerne MANIAC 2 machen würde und er sagte: „Okay, komm her.“ Es war Mitternacht, ich fuhr zu dieser Bar und traf Joe. Damals hatte ich COMBAT SHOCK schon abgedreht, aber er war noch nicht fertig. Der Schnitt entstand gerade. Ich zeigte Joe 20 Minuten und er hat gesagt: „Okay, du arbeitest mit mir“.

Geld gab es dafür nicht. Ich habe den Film umsonst gemacht. Wir hatten nur Geld für das Filmmaterial und die Laborkosten. Und wir hofften natürlich, dass wir mit diesem kurzen Film die komplette Finanzierung auftreiben könnten. Aber kurz danach ist Joe gestorben. Das war für mich sehr traurig, denn ich habe Joe sehr gerne gemocht.

P.O.: Überlegungen, den Film dann ohne ihn zu machen, gab es nicht?

Buddy Giovinazzo: Nein, zumindest nicht von mir. Joe war der Maniac. Ohne ihn ging es nicht. Die Geschichte von MANIAC ist nichts Besonderes. Er ist interessant, aber was den Film ausmacht, ist die Darstellung. Joe war phantastisch. Und er war ein toller Typ. Er war ganz anders als seine Filmrollen. Er war ein ganz lieber Kerl: einfach, freundlich, ausgelassen.

P.O.: Er ist ja leider nicht sehr alt geworden.

Buddy Giovinazzo: Ja, er war 52.

P.O.: Ein großer Verlust. MANIAC lebte von ihm, ganz unabhängig von den krassen Splattereffekten. Gab es eigentlich ein fertiges Drehbuch für den Langfilm?

Buddy Giovinazzo: Ich habe ein Drehbuch geschrieben. Die einzige Version davon hab ich Joe gegeben, aber ich weiß nicht, wo es abgeblieben ist. Ich hab es damals auf Schreibmaschine geschrieben und so gab es nur diese eine Version. Dass Joe sterben würde, hätte ich nie gedacht. Iich dachte, ich kriege einfach eine Fotokopie zurück.

P.O.: Anderes Thema: Ich war etwas überrascht zu sehen, dass Du 2003 die Regie der 2nd Unit bei Jeff Burrs STRAIGHT INTO DARKNESS übernommen hast. Wie kam es denn dazu?

Buddy Giovinazzo: Ja. Kennst Du den Film?

P.O.: Ja, ich habe mich über ihn auch mit Jeff Burr unterhalten.

Buddy Giovinazzo: Stimmt, das hattest Du mir geschrieben. Jeff ist ein sehr guter Freund von mir.

P.O.: Ein netter Kerl. Sehr offen, sehr sympathisch. Als ich mit ihm sprach, wusste ich nicht dass Du die 2nd Unit gemacht hattest, deswegen hab ich ihn gar nicht gefragt, aber wie ist es denn dazu gekommen, dass du daran beteiligt warst?

Buddy Giovinazzo: Ganz einfach. Er hatte kein Geld und ich wohnte in Berlin. Der Flug von Berlin nach Rumänien kostete vielleicht 130 DM oder so. Er hat mich angerufen und gebeten, ihm einen Gefallen zu tun. Ich hab einfach ja gesagt. Dann war ich eine Woche in Rumänien. Es war phantastisch. Und ich habe viele Nazis getötet (lacht). Das war mein Job: Nazis töten. Jeff hatte einige rumänische Soldaten, die als Nazis uniformiert waren. Wir hatten etwa 30 und Jeff sagte, er braucht eine Szene, in der die Nazis auf die Scheune zustürmen. Und das umzusetzen, war mein Job, wobei vielleicht zehn von den 30 erschossen wurden. Das hat mir viel Spaß gemacht.

Und als 2nd-Unit-Director gibt es keinen Druck. Jeff sagte mir einfach, was er brauchte. Er gab mir eine Liste mit ein paar Einstellungen. Ich hatte keinen Druck bei der Arbeit. Es war phantastisch.

P.O.: Wie hast Du Jeff Burr kennen gelernt?

Buddy Giovinazzo: Gute Frage. Ich denke, das war zu der Zeit von FROM A WHISPER TO A SCREAM, Jeffs ersten Film. Ich habe ihn damals in Los Angeles getroffen. Das muss mehr als 20 Jahre her sein.

P.O.: Der Film entstand 1987.

Buddy Giovinazzo: 1987. Ja, könnte sein. Jeffs Bruder war sein Produzent und ich wollte einen Film mit William Burr machen. Das hat nicht geklappt, aber meine Freundschaft mit Jeff war von Anfang an super.

Als ich in Los Angeles gewohnt habe, hatte ich keine Arbeit. Überhaupt nichts. Jeff Burr hatte aber die ganze Zeit Arbeit. Er war immer im Einsatz. Er hat viele Filme gemacht und ich habe das immer bewundert. Das war mein Traum: Beständig Filme zu machen, so wie Jeff.

P.O.: Wobei er ja einige Schwierigkeiten hatte. Er erzählte von Problemen mit den Produzenten, lausigen Drehbüchern und dergleichen mehr.

Buddy Giovinazzo: Absolut. Er sagte mir auch immer: „Glaub mir, es ist nicht so gut wie Du denkst.“ Als er einen der PUPPET MASTER machte, sagte er mir mal, dass er die ganze Woche nur mit Puppen aus Plastik gedreht hatte. Für ihn war es nicht immer leicht, aber er war ein vielbeschäftigter Mann und das habe ich bewundert.

P.O.: Mittlerweile bist Du ja auch gut beschäftigt.

Buddy Giovinazzo: Ja, aber hier bin ich „Director for Hire“. Das ist etwas anderes. Wenn ich was Englisches mache, bin ich Autor und Regisseur. Ich habe einen ganz anderen Zugang zum Material, wenn ich das Drehbuch geschrieben habe. Bei den deutschen Filmen ist gut für mich, dass ich alles mit einem ganz anderen Auge sehe. Das gefällt den Produzenten, die mögen das. Alles, was ich sehe, jedes Interieur, ist für mich interessant und das wird in den Filmen umgesetzt.

P.O.: Hast Du dann immer mal probiert, Filme in den USA zu produzieren?

Buddy Giovinazzo: Ja, immer, aber das Problem ist, das Geld aufzutreiben. Independent-Filme in den USA zu machen ist schwierig. Heute gelten Miramax-Filme mit 20 Millionen Dollar als Independent-Film. Aber für mich ist das kein Independent-Film. Ich möchte auch keine 20 Millionen Dollar für einen Film haben. Ich möchte einen kleineren Film machen, da ich da mehr als Künstler arbeiten kann und mehr zu sagen habe. Der Film ist dann ein Ausdruck meiner Meinung und meiner Lebenssicht. Das ist es, was ich mag.

P.O.: Was hat eigentlich ein Film wie LIFE IS HOT IN CRACKTOWN gekostet?

Buddy Giovinazzo: Eine Million Dollar. Wir haben den Film in Downtown L.A. gedreht. Und das auf echten 35mm-Film. Das war superschwierig. Aber das war ein echtes Projekt aus Leidenschaft. Alle Mühen haben sich gelohnt.

P.O.: Weitere Adaptionen deiner eigenen Romane willst Du wohl nicht machen?

Buddy Giovinazzo: Nein, nicht wirklich. Ich habe vier Romane geschrieben. Ein neuer Roman erscheint im Frühling. Er heißt „Caution in the Wind“ im Englischen, „Piss in den Wind“ im Deutschen. Inszenieren wollen würde ich das nicht. Ich würde da lieber etwas Neues machen wollen.

P.O.: Dein neuester Film ist THE THEATRE BIZARRE, ein Anthologieprojekt mit anderen Regisseuren zusammen.

Buddy Giovinazzo: Ja. Mit Douglas Buck, David Gregory, Richard Stanley und anderen. Stanley hat seine Geschichte schon gedreht, Buck macht seinen gerade und ich werde meinen voraussichtlich Ende Februar in Berlin drehen.

P.O.: Gehören die Geschichten dann alle dem gleichen Genre an?

Buddy Giovinazzo: Sie gehören alle dem Grand Guignol an und sind alle ein bisschen dunkel und blutig. Meine Geschichte ist beides. Wir haben verschiedene Themen. Wir kriegen kaum Geld. Das Budget ist sehr minimal, aber wir können machen, was immer wir wollen. Und jeder hat den Final Cut. Für mich ist das etwas Besonderes.

P.O.: Kannst Du schon andeuten, worum es in Deiner Geschichte gehen wird?

Buddy Giovinazzo: Nicht wirklich, aber es geht um eine Ehe. Es ist eine drastische Ehe-Geschichte und am Ende der Geschichte wird diese Ehe zerstört. Der Film ist nicht wie COMBAT SHOCK, aber ähnlich gemacht. Ohne Geld, aber ganz spannend.

P.O.: Wann soll der Film auf den Markt kommen?

Buddy Giovinazzo: Alles muss im April fertig sein. Kurz danach, denke ich. Der Film soll auf dem Fantasia-Festival in Montreal haben. Das wäre phantastisch.

P.O.: Wie wurden die einzelnen Regisseure für dieses Projekt gefunden?

Buddy Giovinazzo: Das ist eine gute Frage. Ich bin relativ spät zu diesem Projekt gekommen. Ich glaube, ich war der letzte Filmemacher, der zu diesem Projekt dazu stieß. Ich bin befreundet mit Doug Buck, David Gregory und Karim Hussain. Und Richard Stanley hab ich mal vor 15 Jahren getroffen. Ich würde nicht sagen, dass wir Freunde sind, aber wir sind Bekannte. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich denke, sie wollten eine Mischung sehr unterschiedlicher Filmemacher haben.

Douglas Buck, David Gregory, Richard Stanley: Wie lange soll deine Geschichte sein?

Buddy Giovinazzo: Jede Geschichte muss zwischen zwölf und 22 Minuten lang sein.

P.O.: Fünf Geschichten sollen es dann sein?

Buddy Giovinazzo: Ja, es sind fünf Regisseure. Ich glaube, es wird auch noch eine Art Rahmenhandlung geben. Wie bei CREEPSHOW.

P.O.: Oder Jeff Burrs FROM A WHISPER TO A SCREAM.

Buddy Giovinazzo: Genau.

P.O.: Woran arbeitest Du außer THE THEATRE BIZARRE?

Buddy Giovinazzo: Ich mache gerade die Abmischung für einen Leipziger Tatort. Außerdem schreibe ich ein Drehbuch, einen erotischen Thriller, den ich mit dem Produzenten von LIFE IS HOT IN CRACKTOWN realisieren will. In ein paar Wochen fliegen meine Frau und ich wegen ein paar geschäftlichen Terminen nach Los Angeles. Das ist ein Ziel für mich: Wieder einen Film in Amerika zu drehen.

P.O.: Deine bisherigen waren auch sehr gut. Mir gefiel NO WAY HOME, der hierzulande als UNTER BRÜDERN rauskam, sehr gut. Hat der Film 1996 eigentlich ein paar Türen geöffnet?

Buddy Giovinazzo: In Amerika nicht, aber hier hat er mir sehr geholfen. Ich habe diese Fernsehfilme hier in Deutschland wegen NO WAY HOME bekommen. Hier gibt es einen anderen Zugang zu Kunst. NO WAY HOME wurde in den USA als zu künstlerisch angesehen und hat kein Geld gemacht. Einige Firmen mochten den Film, aber da er kein Geld eingespielt hat, brachte er mir nichts. Denn in den Firmen würde dann die Frage aufkommen, wer denn dieser Buddy Giovinazzo ist und was er gemacht hat. Und NO WAY HOME würde da nicht positiv aufgenommen werden, weil er kein Geld eingespielt hat. Das ist die Messlatte. Hier in Deutschland ist die Messlatte anders. Man denkt, der Film ist gut, ich mag ihn, und ob er nun Profit gemacht hat, ist nicht so wichtig. Das gefällt mir hier am Besten.

NO WAY HOME hat mir in Amerika nicht geholfen, hier aber sehr. Mein erster Job hier war POLIZEIRUF 110 in München. Das war Anfang der 2000er und das hatte ich NO WAY HOME zu verdanken.

P.O.: Ich war auch sehr überrascht, als ich Deinen Namen in einem deutschen Fernsehfilm sah. Man erwartet nicht, dass ein Amerikaner nach Deutschland kommt.

Buddy Giovinazzo: Jeder sagt das. Bei jedem Geschäftstermin und bei jedem Treffen kommt die Frage: „Warum bist Du hier?“

Andere Regisseure fahren nach Amerika. Aber ich war schon mal da. Ich weiß, wie es ist. Ich liebe Amerika, aber die Realität ist: Ich könnte dort fünf Jahre lang Geschäftstermine absolvieren ohne einen Film zu machen. Oder ich kann hier ein bis drei Filme machen, wenn ich will. Ich liebe Berlin, die Stadt, die Kultur, die Leute, einfach alles. Für mich ist das die perfekte Lösung. Ich bin hier glücklich. In Amerika wäre ich das nicht. Aber jeder fragt mich das. Es ist komisch, dass die Frage auch nach so langer Zeit noch kommt.

P.O.: Man hört halt immer von deutschen Regisseuren, die einen Erfolgsfilm in Deutschland hatten und dann ihre Chance in den USA erhalten. Darum ist der umgekehrte Weg so unerwartet und so ungewöhnlich.

Buddy Giovinazzo: Leute wie von Donnersmark oder Robert Schwentke – das sind die Ausnahmen. Es gibt viele deutsche Regisseure in den USA, die keine Chance auf Erfolg haben. Man hört das nicht so oft, aber das ist die Realität. Viele deutsche Freunde von mir wollten in die USA, aber erst dort merken sie, dass sie einer von zig tausenden Regisseuren sind, die keine Arbeit haben.

Als ich 1998 hierher gezogen bin, wusste ich, dass ich mich für eine bessere Lebensqualität entschieden habe – und nicht für meine Karriere. Aber die ging hier auch weiter.

P.O.: Was ziehst Du jetzt eigentlich vor: Einen Roman zu schreiben oder einen Film zu machen?

Buddy Giovinazzo: Das ist einfach. Lieber einen Film. Film ist Spaß. Es gibt Vor- und Nachteile. Schreibt man zuhause, ist es angenehm und gemütlich. Bei einem Film ist man da draußen. Man hat Adrenalin und viele Leute um einen herum. Das macht Spaß, selbst wenn man Probleme lösen soll, die nicht zu lösen sind. Es ist immer spannend und interessant.

P.O.: Vor- und Nachteile?

Buddy Giovinazzo: Der Nachteil ist, ein Film ist ein Kompromiss. In der Sekunde, wo ich zusage, ist es der erste Kompromiss. Beim Roman ist es mein alleiniger Ausdruck, meine Geschichte. Beim Film ist es immer eine Mischung. Manchmal eine gute Mischung, die den Film besser macht. Manchmal ist es aber auch eine schlechte Mischung. Aber es macht einfach mehr Spaß, auch wenn die Mischung schlecht wird.

P.O.: Und Spaß zu haben, ist letzten Endes das Wichtigste.

Buddy Giovinazzo: Richtig.

P.O.: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auch weiterhin.

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17 Antworten auf Interview: Buddy Giovinazzo

  1. Dietmar sagt:

    Tolles Interview!

  2. Peroy sagt:

    Schöm, das passende Interview zum gestrigen „Tatort“, auch wenn ich lieber „Pirates of the Caribbean“ geguckt habe…

    „Combat Shock“ ist ganz, ganz groß.

  3. K. sagt:

    Danke für dieses sehr interessante und umfangreiche Interview. COMBAT SHOCK wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

  4. Andi sagt:

    Ach ja Combat Shock 🙂 – da hab ich das alte NTSC-Tape auch noch irgendwo im Kellerarchiv. Lang lang ist`s her. Aber der Film war echt gut 🙂

  5. Dominik sagt:

    Ich kenne COMBAT SHOCK tatsächlich nicht- aber jetzt bereue ich es. Tolles Interview.

  6. Pete sagt:

    @Dominik.

    Unbedingt anschauen!!!

    @Andi

    Da muss die DVD her 😀

  7. Bernd sagt:

    Tolles Interview! Sehr aufschlussreich, sehr persönlich & sympathisch, vielen Dank! Meine Combat Shock VHS wird jetzt erstmal wieder entstaubt…

  8. Andi sagt:

    Ja die DVD muss her. Das NTSC Tape war ja von Troma oder.

  9. Pete sagt:

    Ja. Die alte deutsche DVD ist vom mittlerweile toten Troma Deutschland, war aber in Ordnung.

  10. Doc Knobel sagt:

    Sehr schönes Interview. COMBAT SHOCK kenne ich natürlich, aber als ich am Sonntag mit einem Auge dem TATORT folgte, wusste ich natürlich nicht, dass der gute Mann dahinter steckt. Wie auch immer. Sehr offenes und informatives Interview.

  11. DMJ sagt:

    Hm, muss sagen, jetzt habe ich auf einmal auch Lust auf den (mir bislang unbekannten) „Combat Shock“ bekommen…

  12. Pete sagt:

    Solche Bildungslücken muss man schließen 😀

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