DIE FARBE – Ein Lovecraft-Film

DIE FARBE ist ein deutscher Independent-Film, der seit kurzem auf DVD und Blu-ray erhältlich ist. Der Film basiert auf der von H.P. Lovecraft verfassten Geschichte „Die Farbe aus dem All“.

Arkham, 1975: Jonathan Davis Vater ist verschwunden. Seine Spur führt nach Deutschland, in den Schwäbisch-Fränkischen Wald, wo er nach dem 2. Weltkrieg stationiert war. Jonathan folgt ihm, um ihn heimzubringen, doch tief in den Wäldern offenbaren sich ihm die Geheimnisse aus der Vergangenheit. Er trifft auf einen Einheimischen, der ihm davon erzählt, was sich in den 30er Jahren zutrug, nachdem ein Meteor im Tal heruntergegangen ist und nicht nur Flora und Fauna, sondern auch Menschen veränderte…

Im Großen und Ganzen hält sich Autor und Regisseur Huan Vu sehr nahe an die Vorlage. Das Format mit der Rahmenhandlung ist gleichgeblieben, nur die Umstände wurden verändert. Ist es in Lovecrafts Geschichte ein Landvermesser, der auf ein verlassenes Haus stößt und später vom Einsiedler Ammi Pierce erfährt, was sich vor Jahrzehnten zugetragen hat, so ist es hier nun ein junger Mann, der nach seinem Vater sucht und so nach Deutschland kommt. Die Verlagerung der Handlungsstätte aus den USA nach Deutschland ist im Grunde nicht weiter von Belang. Die Figurenkonstellation ist gleichgeblieben. So gesehen ist DIE FARBE eine Adaption, die Lovecraft-Fans schon alleine ihrer Vorlagen-Treue wegen erfreuen wird.

Ursprünglich sollte der Film nur eine Laufzeit von 60 Minuten haben. Als Endprodukt läuft er 85 Minuten. Das erweist sich als problematisch, da dem Film die kürzere Lauflänge wohl gut getan hätte. In der jetzigen Form leidet der Film ein wenig unter Leerlauf. Ein paar Szenen erscheinen ziellos oder repetitiv. Hinterfragen muss man auch, ob es richtig war, Lovecrafts Ansatz mit der Rahmenhandlung für den Film zu übernehmen. Die Hauptgeschichte ist jene, die in den 30er Jahren spielt. Der Rest ist weniger wichtig, da das Ende auch nicht ganz die Ambivalenz erreicht, die es in Lovecrafts Geschichte gibt. Dafür hat man hier praktisch zwei Enden gefunden, das eine für Jonathan, das andere für Pierske – und letzteres hat hier deutlich mehr Punch, da es zwar auch keine definitive Antwort bietet, aber die gab es auch bei Lovecraft nicht. Stattdessen überlässt das Ende dem Zuschauer die Möglichkeit, die eigene Imagination zu bemühen.

Das Format der Rückblenden ist auch etwas holprig geraten, da es Flashbacks in die 30er und die 40er Jahre gibt und da letztere noch weitergehen, als Prieske schon niemandem mehr hat, dem er diese Erinnerungen erzählen kann.

Die Stärke von DIE FARBE ist sein Spiel mit der Imagination. Der Film hält sich an Lovecraft, der darauf baute, dass die Phantasie des Rezipienten den letzten Schritt macht. Er deutet an, er beschreibt, aber er zwingt seinen Leser, das unsagbare Grauen vor dem eigenen inneren Auge wahrhaftig werden zu lassen. In der Literatur funktioniert das besser als beim Film. Film lebt nach dem Motto „Show, don’t tell“. Und so muss DIE FARBE etwas zeigen. Das geschieht auch, aber auf subtile Art und Weise. Das Ergebnis sind ein paar Szenen, die wirkliches Grusel-Feeling aufkommen lassen.

Die Entscheidung, den Film in Schwarzweiß zu drehen, war die Richtige. Nur dadurch gelingt es, ein amorphes Böses wie die Farbe gebührend darzustellen. Denn die Farbe ist – natürlich – farbig; sie leuchtet in einem Purpurton. Damit sticht sie hervor, erscheint unwirklich und in jedem Moment bedrohlich. Der Schwarzweißlook des Films ist sehr stimmig geworden. Mit der verwendeten Kamera hat man einen echten Filmlook erzeugt. Das einzige, was sich abhebt, sind die ersten Minuten in den USA, die komplett vor Blue Screen gedreht wurden. Man erkennt hier den künstlichen Aspekt des Hintergrunds. Wirklich störend ist das aber nicht.

Man merkt dem Film die Ambition seiner Macher an. Und noch wichtiger: Anspruch und Umsetzung gehen hier Hand in Hand. Sicher, die technisch ein oder andere Unebenheit gibt es, was angesichts eines wohl überschaubar großen Budgets nicht zu vermeiden ist, aber unterm Strich präsentiert sich DIE FARBE als ein interessanter Film, der zeigt, wie man Lovecraft filmisch umsetzen kann. Angesichts des Enthusiasmus der Macher, der hohen technischen Qualität und den guten Mimen sieht man dem Film auch nach, dass das Skript durchaus noch etwas Arbeit vertragen hätte.

Fazit: Ein Independent-Film, der zeigt, dass man Genre-Unterhaltung auch mit schmalem Budget produzieren kann und dabei keineswegs auf plakativen Splatter setzen muss, um das Publikum anzusprechen.

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7 Antworten auf DIE FARBE – Ein Lovecraft-Film

  1. Dietmar sagt:

    Das ist hochinteressant! Vielen Dank!

    Da muss ich mal nach gucken …

  2. doc knobel sagt:

    Auch bei uns wird bald eine Kritik in Verbindung mit einem Interview der Macher kommen. ich bin gespannt.

  3. Pete sagt:

    Interview wird’s hier auch noch geben.

  4. Dietmar sagt:

    @doc knobel: Wo ist „uns“?

  5. Doc Knobel sagt:

    @Dietmar: bereitsgetestet.de / bereitsgesehen.de

  6. Dietmar sagt:

    Ah … sehr schön, danke!

  7. Caliban sagt:

    Habe ihn gesehen; hat mir sehr gut gefallen. 🙂

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