Ich warte ja schon lange mal darauf, das von irgendeinem Show-Moderator im Fernsehen zu hören. Denn wenn man sich heutzutage im Programm so umsieht, dann hat man schon das Gefühl, dass RUNNING MAN ein sehr prophetischer Film war. Noch sind wir nicht dort, noch haben wir keine Running-Man-Show, aber lange dauern kanns eigentlich nicht mehr, oder?
Nachdem uns das Dschungel-Camp bewiesen hat, dass B- und C-Prominenz für ein wenig wiedererwachte Popularität so gut wie alles tut und auch vorm Verzehr von Känguruh-Hoden nicht zurückschreckt, haben sich nun beim Pro-7-Programm SOLITARY gleich neun Prominente (oder solche, die sich dafür halten; sieben der neun traurigen Gestalten waren mir gänzlich unbekannt) in Einzelhaft einsperren lassen. Einem jeden Knacki würde schlecht werden, wenn er an Isolationshaft denkt, für den Promi ist das aber ein Spielfeld, das beackert werden muss. Die Guantanamo-Vergleiche hinken zwar ganz gewaltig, da die dortigen Insassen nicht einfach auf einen roten Knopf drücken und das Lager verlassen können, aber die fortwährende Beschallung und taghelles Licht, um übermüdete Delinquenten vom Schlafen abzuhalten, erinnert doch nicht von ungefähr an die (vermutlich sanfteren) Foltermethoden, die in CIA-Lagern schon gerne mal angewandt werden.
Während bei der US-Variante der Show Normalbürger ihre Grenzen austesten, musste es für die deutsche Variante den Promi-Bonus geben. Faszinierend ist dabei 1.) was für Leute heutzutage als Prominente durchgehen und 2.) dass einige offenbar noch nicht mal gut genug fürs Dschungelcamp sind, weswegen die Einzelhaft die einzige Möglichkeit blieb, nochmal auf den Busch zu klopfen und zu hoffen, dass das Fernsehvolk sich in einem düsteren Winkel des kollektiven Gedächtnisses an die “bekannten” Gesichter erinnert.
Faszinierend auch, für wie blöd die Macher die Zuschauer (und ihre Kandidaten halten). Da will man vorgaukeln, Alice sei eine künstliche Intelligenz. Und spricht mit der Synchronstimme von Angelina Jolie. Ja klar. Dann hat man ein Weichei vor dem Herrn, das schon nach ein oder zwei Stunden das Alleinsein nicht mehr erträgt und aussteigt. Hallo, McFly, jemand zuhause? Ist es im Vorfeld wirklich so schwierig, sich selbst so gut einschätzen zu können, um sicher sein zu können, dass man wenigstens ein paar Tage durchhält? Oder ist das egal und die paar Minuten Präsenz im Fernsehen sind es wert, sich vor der Nation zum Hampelmann zu machen?
So viel Schadenfreude man auch haben mag, wenn die “Promis” stundenlang David Hasselhoffs “I’ve been looking for freedom” ertragen müssen, so sehr muss man sich schon aber auch fragen, wo die nächste Grenze liegt. Wie wird die nächste Show aussehen, bei der Tabus gebrochen werden? Was kann das Gebotene noch übertreffen? Die eingangs erwähnte Running-Man-Show wird’s wohl nicht sein, zumindest nicht in der tödlichen Radikalität. Aber ist es abwegig, in einer Fernsehwelt, in der Promis Insekten vertilgen und sich in Isolationshaft stecken lassen und Normalos für ein paar Kröten in halbgaren MTV-Shows wie I BET YOU WILL oder FIST OF ZEN übelste Dinge abverlangt werden, die diese noch freudestrahlend übernehmen, weil man ja ein wenig Penunze kriegt, zu glauben, dass das Niveau noch weiter sinken wird? Dass irgendwann Programme kommen werden, in denen gescheiterte Existenzen mit der Verlockung auf schnellen Rubel angelockt werden, um sich vor versammelter Gaffer-Nation zu erniedrigen? Oder Programme wie JACKASS, nur nicht mit selbsternannten Profis, sondern Otto-Normal, der sich – es ist ja spektakulär und gut für die Quote – alle Knochen bricht? Die Gangrichtung ist doch längst vorgegeben. Die schöne neue Fernsehwelt soll weh tun – den Kandidaten. Und zur Ergötzung des Publikums. Brot und Spiele. Alles wie gehabt.