Jörg Bauer spricht zwar nicht über die Liebe und das Leben, aber dafür über seinen Film

Jörg Bauers Kurzfilm NO HARD FEELINGS lief vor kurzem auf dem Filmfest in München, aber auch im Fernsehen. Der Produktmanager von Sunfilm stand mir für ein paar Fragen Rede und Antwort. Die vierte Frage bzw. Antwort enthält ein paar Spoiler – dies nur als Warnung für jene, die den Film noch nicht gesehen haben.

Frage: Vor kurzem war die Kinopremiere Deines Films vor ausverkauftem Haus. Wie war das für Dich?

JB: Das war der schönste und zugleich schrecklichste Tag in meinem Leben. Das Schöne daran war natürlich, dass man endlich mal den Moment erlebt, wegen dem man eigentlich Filmemacher ist: seinen Film mit einem neutralen Publikum erleben. Man merkt, ob er funktioniert und das Publikum unterhält oder auch nicht. Und in dem Fall hat es gottseidank geklappt.

Das Schreckliche daran war, dass die Vorführung technisch gesehen voll danebenging. Es wurde ein defektes Master gezeigt, was eigentlich vor Wochen ausgetauscht wurde. In der TV Ausstrahlung wurde auch das neue benutzt, aber im Kino fehlte in der ersten Minute der Ton. Da arbeitet man über ein Jahr fast täglich an der Postproduktion, macht Nächte durch, um Deadlines zu schaffen und dann sowas. Da hatte ich schon zu schlucken. Noch schlimmer ist allerdings, dass das gleiche defekte Master für die DVD-Auswertung benutzt wurde und nun zumindest auf der SHOCKING SHORTS-DVD niemals in der kompletten Version zu sehen sein wird. Da hilft nur noch dem Motto meines Filmtitels NO HARD FEELINGS zu folgen: Nicht mehr ärgern, sondern was Neues anfangen.

Frage: Wie lange hat die Arbeit an dem Film von der ersten Idee bis zur letzten Farbkorrektur gedauert?

JB: Knapp zwei Jahre. Das Drehbuch war schnell fertig, das waren ein paar Tage. Dann muss man natürlich erst mal die Schauspieler finden, die Location und die Crew zusammentrommeln. Das hatte dann nochmal so ein knappes halbes Jahre gedauert. Das Problem war bei mir, dass ich tagsüber im Büro arbeiten musste und mich nur abends oder am Wochenende um den Film kümmern konnte. So hat es sich natürlich hingezogen. Das größte Problem war dann nach dem Dreh die Post-Produktion. In dem Studio, in dem wir freundlicherweise Nachts schneiden durften, ist nach Fertigstellung des Rohschnitts der Computer abgestürzt und alles war weg, inklusive Back-Ups. Wir mussten komplett von vorne anfangen, konnten aber nicht mehr regelmäßig ins Studio. Das hat sich dann so lange hingezogen, bis ich mir selber einen neuen PC mit der entsprechenden Software zugelegt und den Schnitt alleine daheim gemacht habe. Die Filmmusik war auch so eine Sache. Ich spiele zwar Gitarre und ein wenig Klavier, aber hatte noch nie Filmmusik komponiert. Ich hab mir eine schweineteure Orchestersoftware gekauft und das alles “learning by doing” probiert. Das Problem war weniger die passende Stimmung zu komponieren, als die Melodie und Rhythmus passend zum Bild und Schnitt hinzubekommen. Das war eine ganz schöne Frickelei, aber hat am Ende glücklicherweise ganz gut funktioniert. Auch die Farbkorrektur war eine Höllenarbeit, die ich auch zum ersten Mal selber gemacht habe. Die Szene am Schluss, als die Frau im roten Mantel vor der Türe steht, ist ja, bis auf den Mantel, komplett farbreduziert. Nun hab ich den Mantel in jeder Einstellung Bild für Bild ausschneiden müssen, damit dieser seine rote Farbe behält. Da ich nicht genug Erfahrung mit dem Programm hatte, aber auch keine Zeit mehr mich großartig einzuarbeiten, wusste ich keine einfachere Möglichkeit und bin also Nächte lang dagesessen und hab mir einen Wolf an diesem verdammten Mantel geklickt. Es sind halt oft die kleinen Dinge, die eine Fertigstellung des Filmes ziemlich aufhalten.

Frage: Du hast drei relative Newcomer für die Rollen in deinem Film gefunden. Aber alle drei haben eine gute, sehr solide Leistung abgeliefert. Wie lief der Casting-Prozess ab?

JB: Ich habe eine Online-Anzeige auf Crew United gesetzt, was eine ziemlich praktische Webseite für Filmschaffende ist. Nach einer Stunde hatte ich 15 Bewerbungen. Zwei Tage später hatte ich insgesamt 160 davon. Da musste ich ganz schön aussieben. Die besten zehn Leute wurden dann zum Casting eingeladen. Ich durfte netterweise unser Büro bei Sunfilm dafür benutzen. Bei den Männern war die Entscheidung mit Talin sofort klar. Bei der weiblichen Rolle hatten wir zwei Finalistinnen, wobei dann Claudia das Rennen machte.

Frage: Das Drehbuch ist gut strukturiert und arbeitet wie viele Kurzfilme mit einem Twist am Ende. Wann wurde Dir bewusst, dass der (massenhaft Filme goutierende) Zuschauer diesen Twist erkennen könnte und es Zeit für einen “Twist-im-Twist” wurde?

JB: Der Twist im Twist war Bedingung. Man kann dem Zuschauer heute nichts mehr vormachen. Er hat einfach zu viele Filme gesehen und kennt die Formeln, nach denen die Geschichten aufgebaut sind. Er erwartet schon automatisch falsche Fährten. Mir war natürlich klar, dass man vermuten würde, dass die Frau auf den Fotos seine Schwester sein würde. Das wäre die billige Lösung und todlangweilig. Deswegen habe ich versucht das Timing der Story etwas zu ändern und so den Zuschauer abzulenken. Man weiß ja erst ab dem Moment, in dem sie ihm sagt, er habe nur noch eine Minute zu leben, dass sie ihn umbringen will. In dieser Minute passiert dann soviel, da denkt man hoffentlich nicht gleich an den Twist, sondern erst, wenn es klingelt. Keine 30 Sekunden später weiß man, dass man sich getäuscht hat, also doch überrascht wurde. Und in der letzten Einstellung gibt’s noch einen obendrauf. Dieser Twist macht es wesentlich persönlicher für den Charakter von Sandra und sitzt damit viel tiefer. Und der letzte gesprochene Satz im Film gefolgt von der letzten Einstellung ist wirklich bösester schwarzer Humor. Der Zuschauer soll natürlich immer denken, er weiß wie es ausgeht. Heutzutage muss man ihm aber schon um drei Schritte voraus sein, denn er kennt schon alle Tricks. Das ist immer eine große Herausforderung.

Frage: NO HARD FEELINGS ist dein erster (fertiger) Film. Du hast aber schon zuvor an anderen Kurzfilmen gearbeitet. Wo lagen da die Probleme und warum hat es mit NO HARD FEELINGS geklappt?

JB: Eigentlich war NHF eine Notlösung, da ich ursprünglich einen ganz anderen Film drehen wollte. Doch das war ein Road-Movie, hatte fünf bis sechs Locations, viel mehr Schauspieler und spielte Nachts. D.h. der Aufwand war zehnmal größer und da ich die ganze Sache größtenteils alleine organisiert habe, hab ich irgendwann gemerkt, dass es zu viel für eine Person ist. Dann ist es natürlich auch so, dass die Cast & Crew alle umsonst mitmachen, solange sie Zeit haben. Aber wenn sie dann einen großen Auftrag bekommen, dann müssen sie diesen natürlich annehmen, denn damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Das hat allerdings auch zur Folge, dass dann kurzfristig ein Crewmitglied ausfallen kann. Wenn das aber ausgerechnet der Kameramann ist, ist das natürlich schlecht. Dann sind mehrmals die Locations wenige Tage vor dem Dreh geplatzt. Und so jagt eine Katastrophe die nächste und nach sechs Monaten und 1000 Euro schon ausgegebenes Budget hab ich dann das Handtuch geworfen. Dann habe ich gesagt, ich drehe lieber einen anderen Film mit dem gleichen Cast & Crew, der die einfachsten Produktionsbedingungen hat, die es gibt: nur zwei Leute in einem Raum und fertig. Da kann natürlich viel weniger schiefgehen. Acht Wochen später war der Film im Kasten.

Frage: Wie sieht es denn mit einer DVD-Veröffentlichung aus. Wann kann man damit rechnen?

JB: Der Film ist schon letzte Woche auf DVD veröffentlicht worden auf der neuen SHOCKING SHORTS DVD 2010. Aber da ist eben wie gesagt das defekte Master benutzt worden und die DVD ist (zumindest für meinen Film) nicht wirklich zu empfehlen. Doch irgendwann werden wir den Film bei Sunfilm auch nochmal gescheit rausbringen. Und wenn es nur als Bonusmaterial auf einem Spielfilm ist.

Frage: Und was können wir nun von Dir als nächstes erwarten?

JB: Eine Menge! Der Erfolg von NHF hat mich neben der Shocking Shorts Award Nominierung und dem Screening auf dem Münchner Filmfest gerade nach Hollywood geschossen, wo ich den Film im August auf einem der wichtigsten Kurzfilm Festivals dort vorstellen werde. Er ist noch auf vielen anderen internationalen Festivals eingereicht und ich hoffe natürlich auf weitere Screenings. Parallel habe ich auch gerade mein neues Spielfilm-Drehbuch fertig gestellt, an dem schon eine Produktionsfirma Interesse hat. Das nächste Buch ist auch schon halb fertig. Außerdem steht noch mein oben genannter Road-Movie-Kurzfilm-Schocker an, den ich jetzt evtl. unter besseren Bedingungen machen kann.

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Eine Antwort auf Jörg Bauer spricht zwar nicht über die Liebe und das Leben, aber dafür über seinen Film

  1. t.hohmann sagt:

    Habe das Ding leider noch nicht gesehen, würde es aber gerne mal – natürlich in der Fassung, in dem es dem Kollegen Bauer vorschwebte. Ascot veröffentliccht doch auch einen Kurzfilm, da könnte Sunfilm doch eigentlich auch mal stärker werden. ;)

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