Ein Viertel Jahrhundert lang habe ich Superhelden-Comics regelmäßig gelesen. Vor allem Marvel. Seit ein paar Jahren lese ich nur noch vereinzelt hier und da mal ein Heft oder einen Story-Arc. Die Gründe sind mannigfaltiger Natur. Das größte Problem ist, dass in der Welt der Superhelden niemals echte Veränderung stattfindet. Nur die Illusion von Veränderung wird geboten. Irgendwann schwindet die Illusion und der altbekannte Status Quo ist wieder da. Ich habe dementsprechend in den letzten Jahren häufig das Gefühl gehabt, etwas zu lesen, das ich schon einmal gelesen hatte. Dabei will ich gar nicht sagen, dass es nicht gut geschriebene, packende Serien gäbe. Als ich vor zwei oder drei Jahren ausstieg, waren CAPTAIN AMERICA und DAREDEVIL auf einem Höhenflug. ABer ich war übersättigt. Und bin es noch. Heute habe ich das lang erwartete Sequel zu Kurt Busieks und Alex Ross’ MARVELS gelesen: MARVELS – EYE OF THE CAMERA, geschrieben von Kurt Busiek und Roger Stern, illustriert von Jay Anacleto.
Man muss wissen, dass beide Geschichten nicht die Superhelden in den Vordergrund rücken. Es ist der Photojournalist Phil Sheldon, durch dessen Augen, durch dessen Kamerablickwinkel, man die Welt der Marvels kennen lernt. Busiek zeigt uns die Welt der Superhelden aus dem Blickwinkel eines ganz normalen Menschen, der von der Größe und Erhabenheit der Helden fasziniert ist. Ich liebe MARVELS. Es wirft einen Blick auf das Marvel-Zeitalter der 60er Jahre bis zur Mitte der 70er Jahre. Es schließt mit dem Tod von Peter Parkers Freundin Gwen Stacy. Das Ende einer Ära, der Tod der Unschuld.
Durch Phils Augen blickt man auf Schlüsselerlebnisse innerhalb des Marvel-Universums. Ich kannte viel von dem, was Phil hier sieht. Einige der Geschichten hatte ich Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung gelesen. Aber das erste MARVELS wirkt auf mich nicht so wie das zweite. Denn EYE OF THE CAMERA beschäftigt sich hauptsächlich mit den späten 70er und den 80er Jahren. Genau das ist die Zeit, die zur Mitte und dem Ende der 80er Jahre bei den deutschen Publikationen abgedeckt wurde. Das sind die Geschichten, die mich als Kind faszinierten, die einen Sense of Wonder hatten, den man als Erwachsener kaum noch bei irgendetwas empfindet. Es sind diese Geschichten, an die ich gerne zurückdenke: Der Angriff der Masters of Evil auf das Avengers-Mansion, das Verschwinden der Helden im Central Park durch den Beyonder, Spider-Mans erstes Treffen mit dem Punisher, die Rettung der Erde durch den Molecule Man, Magnetos Verhandlung in Paris und der (vermeintliche) Tod der X-Men in Dallas. An all das kann ich mich erinnern. Und darum resoniert EYE OF THE CAMERA bei mir so viel mehr als sein direkter Vorläufer.
In diesem zweiten Band ist Phil Sheldon ein Zweifler. Anfangs glaubt er daran, dass die Marvels all das sein sollen und können, was wir nicht sind, doch im Verlauf der Geschichte, als ihm in seinem eigenen Leben immer weniger Zeit bleibt, verzweifelt er. An Helden, die nicht mehr in klaren Schwarzweißmustern agieren. An den Menschen, die Helden bejubeln, wenn sie ihnen das Leben retten, nur um sie danach zu verfluchen. An den Medien, die Helden von ihrem Podest herabreißen und Hass auf Mutanten schüren. Der Traum zerbricht für Phil Sheldon. Was ein Zeitalter der Wunder war, wird zu einer immer dunkler werdenden Welt der langen Schatten.
Die Reise von Phil Sheldon illustriert auch ein wenig die Meine, nur dass er am Ende seinen Glauben an die Helden zurückgewinnt. Ich hab auch früher schon längere Phasen gehabt, in denen mich Superhelden-Comics nicht interessiert haben, aber mittlerweile hab ich das Gefühl, mein jetziges Desinteresse an den ewig fortlaufenden Serien könnte durchaus permanent sein. Ich hab die Erinnerungen an mein goldenes Zeitalter der Marvels, die mir lieb und teuer sind. Und gelegentlich gibt es kleine Perlen wie MARVELS – EYE OF THE CAMERA, denen ich mich dann doch nicht entziehen kann. Weil es einen Anfang und ein Ende gibt, weil die Geschichte etwas auszusagen hat und weil natürlich ein Hauch von Nostalgie bei mir mitschwingt. MARVELS ist ein Blick von außen nach innen, auf eine Welt längst vergangener Wunder.



