Es gibt Filme, die erfüllen den Straftatbestand der Körperverletzung. Die tun einfach weh. Die sieht man und würde sich wünschen, stattdessen lieber eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung über sich ergehen lassen zu können. Bei solchen Filmen fühlt man sich wie dieser Herr hier – nur dass der Schmerz länger als fünf Sekunden anhält.
Es trug sich an diesem Wochenende zu, dass ich einen solchen Film sah. Eines ebenjener Machwerke, die keine – ich wiederhole: KEINE – redeeming qualities besitzen. Der Film? SURROGATES. Fassen wir zusammen, was das ist. Es handelt sich um einen aufwendigen und teuren SF-Action-Film mit Bruce Willis, basierend auf einem einigermaßen erfolgreichen und cleveren Comic. An sich eine gute Ausgangslage. Aber aus dieser wurde schlichtweg nichts gemacht. Schon der Blick auf die Rückseite der Blu-ray ließ Böses schwanen. Laufzeit: 88 Minuten. Wann bitte gab es das letzte Mal ein Multi-Millionen-Dollar-Spektakel mit einer derart kurzen Laufzeit? Komödien laufen knapp 90 Minuten, aber ein SF-Film, der was auf sich hält? Niemals!

Die Blu-ray startete, der Film ging los und schon während des Vorspanns ahnt man irgendwie: Nein, das wird nichts. Aha, James Cromwell spielt mit. Was für eine inspirierte Besetzung. Offenbar wiederholt er hier seine I, ROBOT-Rolle. Dann wird die Welt der SURROGATES etabliert: In der nahen Zukunft hat ein Wissenschaftler diese Roboter erschaffen, die von Menschen gelenkt werden. Die Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr. Warum auch, können sie doch auch mit den Surrogates erleben, was das Leben lebenswert macht. Zudem sind die Roboter-Avatare leistungsfähiger, stärker, schöner. Denn man muss ja nicht aussehen wie der fette Nerd, der in Unterwäsche rumsitzt, Tag und Nacht Playstation zockt und sich an den Eiern krault. Man kann schließlich auch geil sein.
An sich eine fantastische Idee. Ein echtes SF-Konzept, das etwas über unser Dasein als Mensch aussagen kann. Nur leider tut es das nicht. Ideen sind SURROGATES’ Stärke nicht. Dumpfe Action. Das soll hingegen für Unterhaltung sorgen. Gedankenanregende SF á la GATTACA? Die will, die braucht eine Regiepfeife wie Jonathan Mostow nicht. Ich glaub sogar, der fürchtet das wie der Teufel das Weihwasser.
Schon die ersten Minuten erweisen sich als stumpf. Surrogates werden ermordet und ihre Operators geben auch den Löffel ab. Grund genug, dass der von Bruce Willis dargestellte Bulle Greer ermitteln muss. Das Problem hierbei ist, dass die Geschichte nach 15 Minuten noch immer nicht in Gang ist. Die magische Grenze. Hast du das Publikum nicht nach einer Viertel Stunde am Wickel, dann wird das auch nichts mehr. Im Gegenteil, es ist emotional losgelöst, unbeteiligt, dementsprechend desinteressiert. Zudem erreicht SURROGATES noch nicht mal bei der Halbstundenmarke das Ziel, seine Geschichte vorzustellen. Vielmehr versteckt er sie verschämt vor dem Zuschauer. Das, so Mostow im Audiokommentar, ist übrigens kein Versagen der Filmemacher, sondern gewollt. Originell und unkonventionell soll das sein. Große Kunst soll das sein. Aber es ist nur Bullshit. Und der stinkt.

Kommen wir zu Bruce Willis, Held meiner Jugend. SURROGATES macht zwei Dinge schmerzlich bewusst. Meine Jugend ist schon eine ganze Weile her und Bruce Willis erscheint so irreal wie ein Körperfresser. Könnte es sein, dass die Pod People schon hier sind und Willis als einer der ersten ausgetauscht wurde? Eine andere nicht uninteressante Frage ist: Kann es wirklich sein, dass Willis als Echt-Mensch-Greer noch künstlicher erscheint denn als Surrogate mit Wachs-Teint? Überhaupt ist man sich nie so sicher, ob Willis im Verlauf des Films nicht gestorben ist und plastiniert wurde oder ob er einfach bei Steven Seagal Schauspielunterricht genommen hat. Denn in seinem Gesicht bewegt sich nichts. Naja, der Mund bewegt sich, wenn er redet. Aber ansonsten? Stoisch. Statisch. Stinklangweilig. Er übt hier den Schulterschluss mit Nicolas Cage und Christopher Lambert. Die drei wetteifern sicherlich darum, wer mehr durch seinen Film schlafwandeln kann, wer noch gelangweilter aussehen kann und wer den größten Gagenscheck für die niedrigstmögliche Form der Schauspielerei erhält.
Willis’ Vorgesetzter wird von Boris Kodjoe dargestellt. Den muss man nicht kennen. Aber er hat einen schönen Namen. Boris Frederic Cecil Tay-Natey Ofuatey-Kodjoe. Was man wissen muss: Er wurde in Wien geboren, seine Mutter ist Deutsche und er spricht fließend Teutonisch. Tut er echt. Darum hat er sich auch selbst synchronisiert. Das Problem ist nur, er hat einen fetten amerikanischen Akzent, was jede Silbe, die seinen Mund verlässt, zum Schreien komisch macht. Er wirkt wie eine Parodie. Und das in einem Film, der ohnehin schon ganz gewaltig den Odem des Versagens verströmt. Wie man auf die Idee kam, Kodjoe sich selbst synchronisieren zu lassen? Keine Ahnung, aber es ist nicht weniger als ein Desaster. EIN DESASTER!
Das Regie-Zepter schwang Jonathan Mostow. Ich mag seine Filme nicht. TERMINATOR 3 ist gut. TROTZ Mostow, nicht wegen ihm. Aber der Rest? U-571 ist ein an Langeweile kaum zu überbietender U-Boot-Film mit einem Nichts an Handlung. BREAKDOWN war auch die x-te Abhandlung einer alten ausgelutschten Geschichte. Scheint irgendwie symptomatisch für Mostow zu sein. Hätte er wirklich TONIGHT HE COMES gedreht, es wäre HANCOCK rausgekommen. Seine Geschichte hat Mostow hier nicht im Griff. Sie plätschert ziellos dahin. In keiner Sekunde gelingt es ihm, den Zuschauer zu involvieren. Man bleibt außen vor und fragt sich, mit welcher Trauermiene die Comic-Macher die Premiere des Films wohl gesehen haben. Denn nur die ersten und die letzten Minuten erinnern an deren Graphic Novel. Und das Ende, im Comic bitter und ein Schlag in Greers Gesicht, verkommt hier zum typischen Hollywood-Kitsch. Etwas, das Mostows Herz aufgehen lässt, wie man aus dem Audiokommentar schließen kann. Hätte Mostow DER NEBEL gedreht, hätte man am Ende Thomas Jane und seinen Sohn glücklich um das Auto tanzen sehen. Das ist der Unterschied des Endes des Comics und des Films.

Apropos Ende: Ein sauteurer SF-Film sollte am Ende ein spektakuläres Finale bieten, oder? Was hier geboten ist, ist die immense Spannung, auf einen Computerbildschirm mit “Ja/Nein”-Funktion zu starren, während der eine “Drück Ja” schreit und der andere ewiglich grübelt, ob er’s nun tun soll oder nicht. Dann gibt’s doch noch die Ausschaltung der Surrogates und ein, zwei Shots von der Straße, als die Maschinenmenschen umfallen. Das muss man sich wie den Blackout aus FLASH FORWARD vorstellen, nur dass die Fernsehserie mit einem Bruchteil des Budgets eine phantastische, vom Hocker reißende Sequenz erschaffen hat. Und SURROGATES wie billiges Laien-Theater aussieht.
Nichts an diesem Film funktioniert. Weder die halbgaren Effekte noch Ving Rhames’ falscher Rauschebart. Bei Autofahrten gibt es ganz extrem billige Rückprojektionen und bei den Surrogate-Sprüngen hat man das Gefühl, einem Videospiel der Amiga-Generation zuzusehen. Flüßig sieht anders aus!
Wäre SURROGATES ein lahmendes Pferd, man würde ihm den Gnadenschuss verpassen. Etwa so:
Stirb, SURROGATES, stirb!