Der Doktor und ich

Ich liebe Science Fiction, seit ich denken kann. Darum hab ich schon in jungen Jahren gesehen und gelesen, was ich nur in die Finger bekommen konnte. Dementsprechend hatte ich natürlich auch von DOCTOR WHO gehört und war einigermaßen gespannt, mal etwas von der Serie sehen zu können. Es war Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre, dass RTL schließlich relativ neue Folgen mit Sylvester McCoy zeigte. Ich sah mir also die erste an und war … wenig angetan. Es war nicht, dass die Serie einfach nur grottenbillig aussah. Irgendwas sprach mich einfach nicht an. DOCTOR WHO war für mich damit abgehakt. Die filmische Wiederauflage hab ich nicht beachtet, aber 2005 kam dann die neue Serie und ich war milde interessiert. Immerhin war ich älter geworden und es stand auch zu vermuten, dass die Serie größere Produktionswerte aufweisen würde. Ich sah mir also die erste Folge des neuen DOCTOR WHO an, als die Serie von Pro Sieben ausgestrahlt wurde. Aber erneut ließ mich das, was ich sah, kalt. Gut, ich mag Christopher Eccleston auch nicht besonders, aber irgendetwas an der Stimmung der Serie erreichte mich einfach nicht. Zwar sah ich noch eine weitere Folge, aber auch diese war nicht meins. Das Experiment DOCTOR WHO war für mich damit abgeschlossen.

Eine Freundin schwärmte zwar immer wieder vom Doktor und legte mir die Serie ans Herz. Während sie bei anderen Stoffen oftmals genau meinen Nerv traf und wusste, welche Knöpfe zu drücken waren, um mein Interesse zu wecken, war es die Schwärmerei für den Doktor nicht, die mich hätte veranlassen können, einen neuen Versuch zu wagen. Ich hätte den Doktor auch weiterhin links liegen gelassen. Letzte Woche jedoch traf ich einen Freund wieder, der früher auch nichts auf den Doktor gab. Dass er ihn nun empfahl, hieß also schon etwas. Und: Er weiß, welche SF-Knöpfe bei mir zu drücken sind, um mich auf etwas heiß zu machen. Er hatte gerade die vorletzte Folge der fünften Staffel, “The Pandorica Opens”, gesehen und war begeistert. Vor allem von den letzten fünf Minuten, die mir als das beste Stück TV-Sci-Fi dargestellt wurden, das es jemals gegeben hatte. Mag ein bisschen übertrieben gewesen sein, traf bei mir aber genau ins Herz. Einer SF-Herausforderung bin ich noch nie aus dem Weg gegangen. Und wenn die Gefahr bestand, einen potenziell herausragendem SF-Höhepunkt zu verpassen, dann durfte das einfach nicht sein. Ich war also bereit, DOCTOR WHO eine neue Chance zu geben.

Empfohlen wurde mir, mit dem Weihnachtsspecial zu beginnen, das den Abschied von David Tennant darstellte. Ich hatte aber etwas falsch verstanden und dachte, das wäre die letzte Folge der vierten Staffel. Die sah ich mir also zum Auftakt an. Und sie ließ mich kalt. Sie war aufwendig gemacht, hatte gute Effekte, aber Tennant als Doktor war nervig ohne Ende, übertroffen nur noch von seinem ständig “Oi” kreischenden Companion. Ich war kurz davor, hier schon wieder abzubrechen. Zudem hatte ich mich schon gewundert, dass Tennants Doktor hier nicht den Löffel abgibt. “Egal”, dachte ich mir mir und sah mir die erste Folge der fünften Staffel an, in der Matt Smith als neuer Doktor übernimmt.

Alles, was mir an der Tennant-Folge missfiel, liebte ich an der Smith-Folge. Ich habe zuwenig von den ersten vier Staffeln gesehen, um dies zu verifizieren, aber mit dem neuen Showrunner Steven Moffat hatte ich das Gefühl, dass die Serie düsterer geworden ist. Der Staffelaufakt “The Eleventh Hour” ist mehr Horror denn SF. Der Doktor trifft hier auf das siebenjährige Mädchen Amy Pond, das vor einem Riss in der Wand Angst hat. Der Doktor erkennt, dass hier ein Riss im Universum vorliegt. Er muss gehen, verspricht aber, fünf Minuten später wiederzukommen. Es vergehen jedoch zwölf Jahre, bis der Doktor zurückkehrt. Amy ist nun erwachsen und sie wird sein neuer Companion. Doch zuvor bekommen es beide mit einem außerirdischen Gefangenen zu tun, der durch den Riss geflohen ist. Die Story mag nicht besonders originell anmuten, aber die Umsetzung ist es. Die Vorstellung, mehr als ein Jahrzehnt mit einem außerirdischen Monster im gleichen Haus zu leben, ist gruselig. Die Umsetzung trägt dem Rechnung. Sehen kann man das Monster nur aus dem Augenwinkel. Eine effektive Szene, die für wohligen Schauer sorgt.

Nach dieser Folge war ich angefixt. Matt Smith gefällt mir als Doktor ausnehmend gut. Er ist etwas unkonventionell, schräg, manchmal ein wenig irre, aber er strahlt Zuversicht aus. Und er ist ein Doktor, der nach dem Besten in der Menschheit sucht, wohlwissend, dass wir alle diesem Ideal nur selten gerecht werden. Ich mag die Art, wie Smith spielt. Er ist die Art Doktor, bei dem ein jeder von uns gerne der Companion werde. Karen Gillan als neuer Compantion Amy Pond gefällt mir auch. Ihre Figur, die in dieser Staffel wohl bedeutsamer ist, als dies jemals ein Companion war (vermute ich zumindest), ist gut ausgearbeitet. Darüber hinaus ist sie sexy und hat einen mehr als süßen schottischen Akzent.

Ich sah mir im Verlauf dieser Woche also die weiteren zwölf Folgen der fünften Staffel an. Mein erster Eindruck hatte mich dabei nicht getrogen. Diese Staffel ist nicht weniger als phantastisch! In der zweiten Folge, “The Beast Below”, treffen der Doktor und Amy in der Jahrtausende entfernten Zukunft auf das Starship UK. Das ganze Land ist in das All hinausgegangen, doch es gibt ein schreckliches Geheimnis. Auch diese Folge überzeugte mich mit einer eher dem Horror-, denn den SF-Genre zugehörigen Stimmung, wobei DOCTOR WHO schon echte SF-Konzepte nimmt, diese aber auf Genreübergreifende Art und Weise darbietet. Was das Geheimnis des Schiffs betrifft, so ist es eine wunderbare Idee, die auch die humane Ader des Doktors herausarbeitet.

Während “Victory of the Daleks” genau das bietet, den Sieg und die Rückkehr des Doktors umtriebigster Feinde, ist es der Zweiteiler “The Time of Angels” und “Flesh and Stone”, der mich von den Füßen gefegt hat. Der Doktor kommt hier mit einer Gruppe militärischer Prediger und River Song an den Ort eines abgestürzten Raumschiffs. In seinem Inneren befindet sich ein Weeping Angel, eines der tödlichsten Monstren der Galaxie, das aussieht wie eine Statue – so lange man es ansieht. Blinzelt man oder sieht man weg, kann sie sich jedoch bewegen. Schnell wird klar, dass man es nicht nur mit einem Weeping Angel, sondern mit einer ganzen Armee zu tun hat. Das Faszinierende ist hier, mit welch einfachen Mitteln Spannung erzeugt wird. Denn die Statuen werden immer nur bewegungslos gezeigt. Es ist vergleichbar mit den Panels eines Comics. Man kann im Comic Bewegung nicht zeigen, aber Bild A und B zeigen einen Bewegungszustand, eingefroren in der Zeit. So ist es auch hier. Das ist extrem effektiv. Die Spannung, die bei diesem Zweiteiler aufgebaut wird, ist kaum noch zu überbieten. Die Situation kann man sich wie mit den Marines in ALIENS vorstellen, nur dass die Weeping Angels als nicht bewegliche Bedrohung noch viel angsteinflößender sind.

“The Vampires of Venice” bringt den Doktor, Amy und ihren Verlobten Rory ins Venedig des 16. Jahrhunderts. Ein klassisches Monster wie der Vampir erhält hier die DOCTOR WHO-Behandlung. Und die Frage wird gestellt: Was könnte derart schrecklich sein, dass es es gut findet, wenn man es “nur” für einen Vampir hält. Die Antwort ist extraterrestrischer Art, erinnert aber auch an die Monster aus H.P. Lovecrafts DAGON.

“Amy’s Choice” beschäftigt sich nicht nur mit der Frage, wie Amy ihr Leben haben will – Zeitreisen mit dem Doktor oder irgendwann ein Happily-Ever-After mit Rory in einer beschaulichen Kleinstadt -, sondern blickt auch tief in die Psyche des Doktors, in seine dunkle Seite, die er stets im Zaum hält. Der Zweiteiler “The Hungry Earth” und “Cold Blood” erzählt von einer unter der Erde lebenden Spezies, die einst vor dem Menschen die Erde bewohnte. Aufgrund eines Bohrvorhabens fühlen sich die Wesen angegriffen und schreiten zur Gegenwehr, doch der Doktor versucht, die Wogen zu glätten und für Ausgleich zu sorgen. In keiner Folge dieser Staffel wird so klar gezeigt, wie der Doktor tickt. Für ihn ist jedes Leben heilig. Er glaubt an das Beste im Menschen, aber hier offenbaren sich ihm auch die Abgründe.

Mein persönliches Highlight der Staffel ist “Vincent and the Doctor”, in der Tony Curran den Maler Vincent van Gogh spielt. Der Doktor und Amy kommen in die Vergangenheit, weil Vincent auf einem seiner Gemälde ein Monster gemalt hat. Sie freunden sich mit dem von seiner persönlichen Pein getriebenen Künstler an und gemeinsam können sie das Monster besiegen. Zu dem Zeitpunkt sind erst drei Viertel der Episode vergangen. Was danach kommt, ist der Versuch des Doktors, etwas zu bewirkenn, etwas zu verändern. Er bringt van Gogh in die Gegenwart, zeigt ihm eine Ausstellung seiner Werke und bittet einen Museumsangestellten – dargestellt von Bill Nighy -, ihm zu sagen, was an van Gogh so großartig ist. Der Beweggrund ist klar. Van Gogh nahm sich mit Ende 30 das Leben, ihm zu zeigen, dass er dereinst als einer der größten Künstler aller Zeiten gehandelt wird, könnte das ändern. Aber das tut es nicht. Manchmal verläuft die Geschichte, wie sie verlaufen muss. Und man wird das Gefühl nicht los, dass van Gogh einen anderen Grund fand, aus dem Leben zu scheiden: seine unglückliche Liebe zu Amy Pond. Tony Curran, zweifelsohne ein phantastischer Schauspieler mit einer unheimlichen Bandbreite, spielt hier, als ginge es um sein Leben. Was an “Vincent and the Doctor”, zumindest für mich, so grandios ist, ist die Tatsache, dass es hier nicht um den Abenteueraspekt geht. Es geht um die menschliche Komponente. Es geht um Freundschaft, um Respekt, um ein Gefühl der Verbundenheit, selbst wenn man von Raum und Zeit getrennt ist.

“The Lodger” ist leichtherzig. Der Doktor lebt zur Untermiete, weil im ersten Stock des Hauses jemand sein Unwesen treibt, für Zeitverwerrfungen sorgt und Menschen verschwinden lässt. Amüsant ist es, den Doktor bei alltäglichen Dingen zu sehen, so etwa beim Fußballspiel. Und damit kommen wir zu “The Pandorica Opens”. Ich werde hier nicht spoilern, falls jemand die Serie noch sehen will, aber es ist eine wirklich grandiose Folge, in der es um die Frage geht, was der Schrecken sein könnte, der vor Jahrtausenden in der Pandorica gefangen wurde. Was könnte so furchtbar und angsteinflößend sein, dass sich praktisch jeder – von Daleks über Cybermen zu Homo Reptilicus – auf den Weg macht, um das Öffnen der Box … zu verhindern … oder zu nutzen? Die letzten Minuten drehen alles um, was man bislang für wahr und richtig hielt. Und sie offenbaren, mit welchem Sinn für Details Steven Moffat schon von der ersten Folge dieser Staffel auf den Abschluss, “The Big Bang”, hingearbeitet hat.

“The Big Bang” ist die Nachklappe. Buchstäblich. Das Universum ist ausgelöscht, die Geschichte selbst wird verzehrt. Letztes Überbleibsel ist die Erde, deren Verschwinden aus der Existenz auch unmittelbar bevorsteht. Doch ein Opfer, das größte Opfer, das man nur bringen kann, könnte das Universum und die Historie kickstarten. Dieses Finale ist emotional mitreißend und schlauchend. Ein Gefühl des Endes ist vorhanden, ein Happy-End mit bitterer Note folgt, aber dann ändert sich alles noch einmal – und aus einem leichten Hoffnungsschimmer, der fast verloschen ist, wird eine grandiose Rückkehr.

Die fünfte Staffel von DOCTOR WHO fasziniert mich. Sie ist in sich enorm stimmig. Von der ersten bis zur letzten Folge ist ein roter Faden vorhanden. Das Ergebnis ist eine ausgeklügelte Geschichte, bei der die Reise von Punkt A nach Punkt B vonstatten geht, ohne dass man das Gefühl hätte, die Autoren hätten einfach drauflosgeschrieben und geschaut, was passiert. Man kann diese fünfte Staffel als Neuling wirklich sehr gut sehen. Vorwissen ist allenfalls in rudimentärer Form notwendig. Ansonsten wird hier eine Geschichte erzählt, die einen Anfang und ein Ende hat, aber gleichzeitig die Tür für die sechste Staffel öffnet. Kaum zu glauben, aber darauf freue ich mich. Wenn DOCTOR WHO zurückkehrt, bin ich wieder mit dabei – zumindest solange Steven Moffat, Matt Smith und Karen Gillan an Bord sind. Und danach? Der Himmel ist das Limit. Ich lasse mich einfach überraschen.

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5 Antworten auf Der Doktor und ich

  1. Vindicator sagt:

    Sehr gut, sehr gut! Willkomen an Bord.

    Es kann dem deutschen Rechteinhaber nur geraten werden, die Serie mit dieser 5. Staffel nochmals vom Stapel zu lassen.

    Die hat nun definitiv das Potenzial, bei uns abzugehen. Nicht zu britisch, aber britisch. Nicht zu freaky, aber freaky.

    Wie sagte Moffat: Dr. Who mit all seiner Exzentrik im Körper eines Unterwäschemodels. Na ja, so weit würde ich nicht gehen, aber die Serie ist nun auch wirklich für Neueinsteiger genießbar.

    Individuell, phantasiereich, mit moderner Optik, sehr humorig und cool.

  2. Stefan sagt:

    Ich liebe Doctor Who seit meiner Kindheit – vielleicht auch weil ich lange Zeit nur verschwommene Erinnerungen an die Daleks hatte. Seit ich als Kind mal Nachts eine Folge gesehen habe. Und ich meine, die war sogar in s/w.

    Während die vorherige Staffel mir eher… gewöhnlich erschien, stimme ich Dir zu das die aktuelle Staffel unglaublich gut war. Vielleicht die Beste mit dem besten Doctor überhaupt.

    Und ich muss gestehen: das Finale hat mich extrem emotional berührt. Was bei einem Film-Freak wie mir eigentlich eher sehr, sehr selten vor kommt. In sofern bin ich gespannt auf Weihnachten und hoffe, der Doctor bleibt noch eine Weile. Und Amy auch, die ist schnuckelig :-D

  3. Prospero sagt:

    Ich glaube, da sollte sich jemand mal noch die von Steven Moffat geschriebenen Folgen der anderen vorherigen Staffeln anschauen – denn dann kann man nachvollziehen, warum die Fans richtig aufgeregt waren als es hieß Moffat würde der neue Produzent und Showrunner werden. Zumindest die letzte Folge mit River – das ist wörtlich gemeint übrigens – sollte man nachholen. Vierte Staffel. Die auf dem Bibliotheksplaneten. :-)
    Hey, Moffat hat für seine anderen Folgen regelmäßig den HUGO eingesackt: “The Empty Child/The Doctor Dances”. “Girl in the Fireplace”. Und BLINK! Oooohhh, BLINK! Dritte Staffel, unbedingt anschauen gehen. Aber nicht nachts. Wobei ich sagen muss, es waren auch einige Folgen in der aktuellen Staffel dabei, die deutlich schwächer waren als das, was Moffat vorher gemacht hat. “The Beast Below” – ja – originell und nett, aber Moffatt kanns besser. Immerhin war zumindest alle Folgen mehr oder weniger annehmbar – gut, diese Vampire in Venedig, na ja… Und Vincent-Ende war sowas von kitschig und die Auflösung sowas von einfach. Nun ja.

    Ansonsten kann ich Matt Smith mittlerweile als Doctor akzeptieren. Na ja, bis auf Doctor Nummer Sechs kann ich alle akzeptieren, Tennant fand ich am Anfang furchtbar, dann hat er sich etwas beruhige. Ich denke, Smith wird sich jetzt in die Rolle eingefunden haben. Mal schauen, was das Weihnachtsspecial bringt.
    Ad Astra

  4. Vindicator sagt:

    “Blink” ist tatsächlich empfehlenswert. Ich sage nur “Weeping Angels” …

  5. Pete sagt:

    Hmmmm, Weeping Angels. Das klingt nicht uninteressant.

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