Watchmen: Director’s Cut

Dass es von WATCHMEN den Director’s Cut nicht auch mit deutscher Synchronisation gibt, ist eine echte Schande. Die Synchronisation der Kinofassung ist nämlich exzellent. Sie ist mit enorm großer Liebe zum Detail und einem echten Verständnis nicht nur für den Film, sondern besonders auch für die Vorlage kreiert worden. Darum ist es ein kleiner Skandal, dass Paramount diese Fassung dem deutschen Zuschauer vorenthält.

Der Director’s Cut des Films läuft gute 20 Minuten länger als die Kinofassung. Der Film fühlt sich nun noch ein Stückchen runder an. Es ist im Endeffekt so wie mit DER HERR DER RINGE. Die Kinofassung ist für sich stehend hervorragend, aber die zusätzlichen Minuten sorgen für ein intensiveres, dichteres, in sich stimmigeres Erlebnis. Und ebenso wie bei Peter Jacksons Epos ist es auch hier so, dass es mehr als 100 Veränderungen gibt. Und das betrifft nicht nur neue Szenen, die aus Zeitgründen entfernt und nun wieder eingefügt wurden, sondern auch einzelne Momente, Sekunden und Bruchteile derselben, mit denen vorhandene Szenen erweitert werden.

Es gibt Szenen, die man als Fan in der Kinofassung vermisst hat. Hier fällt vor allem der Mord an Hollis Mason ein. Eine phantastische Sequenz, in der sich Hollis wehrt und bei jedem Schlag, den er landet, an die Schurken denkt, die er vor vielen Jahren besiegt hat. Aber hier muss er unterliegen. Andere Szenen sind mit dieser Sequenz verbunden. Etwa jene, in der Nite Owl in der Bar von Hollis’ Tod erfährt. Oder jene, in der die Knot-Tops beschließen, Hollis anzugreifen. So zeigen diese Sequenzen auch sehr schön, wie man einen Film trimmen kann und worauf es zu achten gilt. Er ist ein Lehrstück in Sachen Schnitttechnik. Man kann ganze Sequenzen entfernen, die für die Kernhandlung nicht absolut notwendig sind, muss aber beachten, dass jede korrelierende Szene ebenfalls rausfällt, um Verwirrungen beim Publikum zu verhindern.

Bei anderen Sequenzen sieht man sehr schön, wie man einzelne Szenen einkürzen kann. So etwa jene, in der Dan Laurie aus dem Restaurant hinausbegleitet. Sie steigt ins Taxi und beide sprechen noch kurz. In der Kinofassung fehlt, wie Dan Laurie auf ihre zwei Secret-Service-Agenten, die sie von einem Wagen aus beobachten, anspricht. Dieser Moment ist im Kino-Cut nicht so wichtig. Dadurch, dass die Sekunden entfernt wurden, konnte man aber gleichzeitig auch die Szene entfernen, in der Laurie mit eben diesen Agenten spricht, nachdem Dr. Manhattan verschwunden ist. Hier sieht man, wie sie beschließt, nicht länger eine Gefangene zu sein, einen Agenten niederschlägt und geht. Die Szene vermisst man in der Kinofassung nicht, aber sie ist durchaus von Bedeutung. Sie stellt weitere Mosaik-Steine dar, die die Geschichte dichter gestalten. Und zugleich die Charakterisierung vorantreiben, denn diese kurzen Momente stellen zeigen, als was Laurie Jupiter von der Regierung angesehen wird. Sie wird bezahlt, fast so wie ein teures Call Girl, um Dr. Manhattan bei Laune zu halten. Und sie hat das Geld offenbar genommen. Aber der Preis hierfür war das Gefühl des Gefangenseins – und des Lebens mit einem „Mann“, der sich immer weiter von der Menschheit entfernt.

Andere Beispiele für gelungenes Trimmen sind die Szenen mit Rorschach in Blakes Appartement und dem Comedian in Vietnam. Bei ersterer wird Rorschach von zwei Polizisten überrascht, überwältigt einen und flieht. In der Kinofassung fehlt dies. Zwar spricht Dan Rorschach bei ihrem Treffen darauf an, dass er einen Polizisten angegriffen hat und (auch) dafür gesucht wird, aber als Zuschauer denkt man sich dabei nichts. Das Fehlen dieser etwa einminütigen Sequenz sorgt nicht für eine Diskrepanz. Weil wir – zumindest als Kenner des Comics – wissen, wer Rorschach ist. Die Information, dass er einen Polizisten niedergeschlagen hat, überrascht uns nicht. So erweist sich das Entfernen dieser Sequenz als gutes Beispiel dafür, wie man eine Szene kürzen kann, obschon darauf angespielt wird. Und man dennoch kein Problem damit erschafft. Ebenfalls unproblematisch ist das Einkürzen der Vietnam-Sequenz. Hier sieht man, wie Dr. Manhattan in riesiger Gestalt daher schreitet und Vietcong tötet. Soweit ist dies aus der Kinofassung bekannt. Doch der Comedian wird hier anders eingeführt. Man sieht ihn in einem Hubschrauber, wie er mit seiner Pistole auf Vietcong schießt. Die Kinofassung setzt ein, als er schon am Boden ist und einen Vietcong mit einem Flammenwerfer tötet. Im Director’s Cut wird diese Szene länger ausgeführt. Man sieht nun, wie der Comedian auf den am Boden liegenden, ohnehin schwer verletzten Feind zugeht. Was danach folgt, war auch im Kino zu sehen. Die Momente zwischen dem riesigen Dr. Manhattan und dem lachenden Comedian, der den Flammenwerfer bedient, sind nicht essenziell. Aber sie gestalten die Szene runder. Und sind zu präferieren, wenn man nicht vor der Aufgabe steht, einen Film auf eine gewisse Lauflänge kürzen zu müssen.

Der Director’s Cut des Films hat auch viele kleine Details, die das Herz des Comic-Fans höher schlagen lassen. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Sequenz, in der die neue Ausgabe des „New Frontiersman“ bei dem Straßenkiosk abgeliefert wird. Ein Stapel an Zeitungen wird auf den Boden geworfen. Man kann das Cover sehen. Und es ist eine der Schlagzeilen, die im Begleitmaterial des Comics zu sehen ist. Die Schlagzeile: Honor is like the Hawk: Sometimes it must go hooded. Darunter sind Porträtfotos des Comedians, Rorschachs und Nite-Owl zu sehen. Ein anderes Detail ist der Junge, Bernard, am Kiosk, der den Piratencomic „Tales of the Black Freighter“ liest. Hier bekommt man ein paar Panels des Comics zu sehen, die stilistisch natürlich an den Zeichentrickfilm angelegt sind und nicht der Comic-Vorlage gleichen.

Der Director’s Cut von WATCHMEN ist eine feine Sache. Nun muss ich noch den 215 Minuten langen Ultimate Cut sehen. Der ist vielleicht ja noch cremiger…

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4 Antworten auf Watchmen: Director’s Cut

  1. MarcelZybell sagt:

    Eine wundervolle Fassung, von der man jede weitere Sekunde genießt. Ich fand es auch total schade, dass Paramount sich gegen die Veröffentlichung des DC entschied und so viele Fans enttäuschte, die dann zur Import-Version greifen mussten. Diese Situation hängt bestimmt mit der Nachfrage zusammen. Warum mehr Aufwand, wenn der Film schon in den Lichtspielhäusern nicht gut ankam? Allein das Publikum war leider auch nicht dankbar genug und hat den Film ja auch zum größten Teil verspottet, ihn so schon in seiner normalen Fassung für zu lang abgestempelt oder erst gar nicht wahrgenommen. So ist es ja auch leider bei Produktionen, die nicht schon eine umfangreiche Vorgeschichte in Form von irgendwelchen Prequels oder anderen Teilen haben. Natürlich springt dann jeder, wenn z. B. ein PREDATORS neu auf die Leinwand kommt – nicht nur wegen eines Rodriguez. Was man nicht kennt, mit dem will man´sich auch nicht beschäftigen – leider. Und Snyder hat sich so sehr an die geniale Vorlage gehalten, das Beste aus dem Stoff herausgeholt und ein wunderbares Erlebnis auf die Kinoleinwände gezaubert. Etwas Bildgewaltiges, Stoff, der etliche Jahre als unverfilmbar galt und an dem schon viele gescheitert sind. Für mich gehört die Szene, in der Dan Dreiberg’s Vater umgebracht wird, genau so dazu, wie TALES OF THE BLACK FREIGHTER. Deswegen spiele ich auch seit längerer Zeit mit dem Gedanken, mir den „The Ultimate Cut“ zu importieren – obwohl ich eigentlich auf DVD alles aus Amerika habe (abgesehen von der Academy Awards Edition) ;-) .

    Beste Grüße

    Marcel

  2. Pete sagt:

    Den Ultimate Cut importiere ich mir demnächst auch. Das hier muss ne Brain Pretzel gewesen sein: “Dan Dreiberg’s Vater”. Hollis Mason is doch nicht der Papa :D . Im Grunde ist es mir ganz recht, dass der Film im Kino nicht so prickelnd lief. So sieht das Studio keine Notwendigkeit für ein Sequel. Hätte der 500 Mios eingespielt, hätte man eher über WATCHMEN 2 nachgedacht.

  3. MarcelZybell sagt:

    Arg … mein Fehler *schäm*.

    Ich halte ein Sequel immer noch für eine schlechte Idee … dann lieber etwas Neues. Eine Verfilmung, die nicht auf einem Comic oder einer Vorgeschichte basiert.

  4. Pete sagt:

    Per se würde mich schon interessieren, wie die Watchmen-Welt 20 Jahre später aussieht. Ein Hollywood-Sequel hätte uns das freilich nicht gegeben.

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