Ich bin der Meinung, dass Geschichten, die man in jungen Jahren gesehen oder gelesen hat und die man beeindruckend fand, weit tiefer ins Gedächtnis eingegraben sind als das bei neuen Stoffen der Fall ist. Neue Filme oder Comics hab ich oftmals innerhalb weniger Monate vergessen, aber an so manche alte Story erinnere ich mich auch mehr als 20 Jahre später noch sehr lebhaft. Ich war zehn oder elf, als ich damals in den DIE SPINNE-Taschenbüchern “In Memoriam Jean DeWolff” (im Original “The Death of Jean DeWolff”) gelesen habe. Es war der erste Story-Arc, den Peter David damals geschrieben hat. Und es ist eine Geschichte mit echtem Punch.
Alles beginnt mit dem Mord an der Polizistin Jean DeWolff, die zu jener Zeit oftmals Spider-Man geholfen hat. Als Spider-Man davon erfährt, setzt er alles daran, ihren Killer zu finden. Gleichzeitig jagt auch Daredevil den Mörder, da dieser einen Richter ermordete, mit dem der Vigilant befreundet war. Hilfe erhält Spider-Man dabei von Stan Carter, der Jeans Partner war und nun den Fall aufklären soll. Schon bald stellt sich heraus, dass es ein maskierter Killer namens Sin-Eater ist, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen will. Nachdem sich ein falscher Sin-Eater gestellt hat, finden Spider-Man und Daredevil heraus, dass in Wahrheit Stan Carter der Killer ist. Als Spider-Man ihn stellt, flippt er aus und prügelt Carter fast tot. Aufgehalten wird er nur von Daredevil. Carter wird verhaftet und soll S.H.I.E.L.D. überstellt werden, da sein Wahnsinn auf Experimenten mit einem Serum beruht, die in seiner aktiven Agentenzeit durchgeführt wurden. Als Carter abtransportiert werden soll, will der Mob ihn lynchen. Daredevil versucht Carter zu retten und setzt auf Spider-Mans Hilfe, der ihn jedoch ignoriert. Erst als Daredevil ihn bei seinem echten Vornamen ruft, eilt ihm Spider-Man zu Hilfe.
Als ich diesen Comic damals las, da war das … in Ermangelung eines besseren Begriffs … ein Wow-Moment! Mir fiel die Kinnlade runter und ich hielt Maulaffen feil. Das Konzept, dass eine Comic-Figur, die man über Jahre hinweg immer wieder gesehen hatte, sterben könnte, war für mich neu. Ich wusste damals noch nichts von Gwen Stacys Schicksal. Und ich war noch nicht der zynische Bastard, der in jedem Tod eines Superhelden nur Auflagensteigerung und die unaufhaltsame Wiederaufstehung ein paar Jahre später sah. Tot war tot! Punkt.
Wohl auch darum hat sich diese Geschichte ins Gedächtnis gebrannt. Sie war grimmig. Grim’n'gritty war damals gerade en vogue, hatte aber in Deutschland noch nicht wirklich Einzug gehalten. Darum verloren die Marvel-Comics für den Jungspund, der ich damals war, auch so etwas wie ihre Unschuld. Die Happy-Go-Lucky-Zeiten waren vorbei, auch in der Welt der Superhelden hielt der grimme Schnitter reiche Beute! Und die Geschichten hatten Konsequenzen! So änderte diese Story auch die Art, wie ich Superhelden sah. Denn plötzlich war klar, dass jeder sterben konnte. Mein jugendlicher Geist war sogar bereit zu glauben, dass ein Spider-Man oder Daredevil nicht mehr sicher waren. Heute weiß ich es freilich besser. Aber damals, ja, damals war das eine Zeit, in der buchstäblich alles passieren konnte! Dachte ich zumindest.
“The Death of Jean DeWolff” ist aber nicht nur bemerkenswert, weil eine seinerzeit wichtige Figur aus dem Spidey-Ensemble den letzten Gang antrat. Sie ist auch erinnerungswürdig, weil sich Daredevil und Spider-Man ihre gegenseitigen Identitäten verraten. Es war diese Storyline, die aus den beiden Verbrechensbekämpfern so etwas wie Freunde gemacht hat. Und dabei erwies Daredevil dem Spinnerich den größten Dienst, den er wohl geben konnte: Er hielt ihn davon ab, zum Mörder zu werden. Denn auch das war etwas, das in den SPIDER-MAN-Comics bis dato undenkbar gewesen wäre. Peter Parker ist ein Mann von hoher moralischer Integrität, aber als er seine Schläge voll durchzieht und Carter ins Jenseits prügeln will, ist es pure Rachsucht, die ihn beseelt. Es ist der Schmerz über den gewaltsamen Verlust, der seine Aggression beflügelt. Eine Figur wie Spider-Man darf freilich nicht töten. Er ist nicht der Punisher. Er hat einen moralischen Ehrenkodex, der dem Supermans gleichkommt. Er ist die Verkörperung dessen, was am klassischen Superhelden gut und imposant ist. Ihn darum die Kontrolle verlieren zu sehen, ist extrem effektiv. Und hat nicht nur einen jungen Geist wie den meines jüngeren Ichs damals enorm beeindruckt.Er dürfte auch einige Autoren inspiriert haben, die im Lauf der Jahre immer mal wieder mit dem Verlieren dieser Kontrolle spielten.
Jean DeWolff blieb tot. Die Redaktion wollte Peter David zwar überzeugen, sie wieder zurückzubringen. Doch er weigerte sich. Und da über mehr als ein Viertel Jahrhundert niemand Jean zurückgebracht hat, dürfte es das auch gewesen sein. Im Ensemble-Kosmos von Spider-Man spielt sie keine Rolle mehr. Sie nun zurückzubringen, wäre ohne Bedeutung. Und so ist sie eine der wenigen Comic-Figuren, für die der Tod wie für uns Menschen final ist. Auch das ist es, was “The Death of Jean DeWolff” auszeichnet und heute noch relevant macht.




