Im Gespräch mit: Ralf Paul

Das Interview mit dem deutschen Comic-Autor und -Zeichner Ralf Paul ist schon in die Jahre gekommen. Ich habe es 2002 geführt. Publiziert werden sollte es im Comic-Fachmagazin DIE SPRECHBLASE, aber dazu kam es nicht mehr. Das lag vor allem daran, dass der Norbert Hethke Verlag nach dem Tod seines Gründers nicht mehr existiert. Und Artikel lagen bei der SPRECHBLASE gut und gerne mal ein paar Jahre auf Halde, bis sich Platz fand, sie unterzubringen. Dieses Interview ist irgendwie durch die Ritzen gefallen. Nachfolgend nun das Interview mit Ralf Paul, der mit dem eigenen Verlag IPP beim Heftchen-Boom in der zweiten Hälfte der 90er Jahre mitgemischt hat. Das Interview ist in einigen Passagen natürlich Asbach Uralt, für den einen oder anderen aber vielleicht immer noch interessant.

PO: Erzähl uns ein bisschen über dich selbst und deinen Werdegang.

Ralf Paul: Tja, da könnte ich jetzt ne ganze Menge erzählen, aber was Comics angeht hatte ich eigentlich nie die Idee gehabt mal Comics zu machen. Mein Traum war und ist es immer noch, in Sachen Film was zu machen. Daher hatte ich auch nach meinem Abitur ein bezahltes Praktikum beim Fernsehen gemacht, wo ich ein wenig gelernt habe mit dem Computer umzugehen. Dann musste ich allerdings Zivildienst nachholen, währenddessen ich ganz zufällig auf Comics bzw. Image gestoßen bin. Diese „frische“ Art des Storytellings und die Tatsache, dass die Comics mittlerweile mit dem Computer koloriert werden UND mein schon immer existierendes Verlangen, unsere Rollenspielsessions in irgendeiner Weise festzuhalten oder nachzuerzählen, waren die perfekten Umstände, um in einer Nacht die Idee für einen deutschen SUPERHELDEN-Comic zu haben.

PO: Gibt es im Bereich der Comics, vielleicht besonders bei Image, irgendwelche Vorbilder für dich?

Paule: Ja, was Comics angeht sind Todd McFarlane, Greg Capullo, Dale Keown, Claudio Castellini und mittlerweile unzählige mehr meine Vorbilder.

PO: Was für Comics liest du selbst gerne?

Paule: Ich lese gerne Comics mit schöner Atmosphäre, aber im Moment lese ich keine Comics mehr. Den letzten Comic, den ich gelesen habe, war CREECH von Greg Capullo. Leider habe ich dazu keine Zeit. Denn zum entspannen schaue ich mir lieber Filme an oder zocke am Rechner.

PO: Du hast IPP nicht alleine gegründet. Wie sahen die Anfänge aus und was hat euch veranlasst, den Schritt zum eigenen Verlag zu wagen?

Paule: Wir haben IPP zu viert gegründet: Meine Schwester Marion, mein Kumpel Thorsten Felden, mein Bruder Guido und ich. Wir hatten IPP damals gegründet, da wir kleine Schwarzweiß-Zeichnungen für Rollenspielfanzines gemacht und unseren ersten großen Auftrag damals für Schmiedspieles „Das Schwarze Auge“ untergebracht haben. Das mit dem „Verlag“ kam dann später, als ich die Idee hatte einen eigenen Comic zu machen. HELDEN war dann unser erstes eigenes Produkt.

PO: HELDEN war dein erstes großes Projekt. Du hast die Serie sowohl als Autor als auch als Zeichner gestaltet. Welche von beiden Aufgaben schätzt du selbst mehr?

Paule: Also eigentlich genau die Sache dazwischen, das heißt, ich liebe es Ideen in meinem Kopf grob zu Papier zu bringen. Dabei beschreiben meine ersten Zeichnungen schon sehr genau eine Szene, so dass ich sie nicht in Worte fassen muss. Das „Fertigzeichnen“ einer Seite macht dann nicht mehr so viel Spaß. Also das Erfinden einer Szene oder eines Dialogs im Kopf, das macht am meisten Spaß.

PO: Die Idee zu HELDEN und dem Titel kam von Deiner Rollenspielgruppe. Wie muss man sich das vorstellen? Habt ihr da bereits die Abenteuer von Benwick und Co. durchgespielt oder gab es nur Details, die dich interessierten und letztlich dazu führten, dass du mit der Arbeit an HELDEN begannst?

Paule: Also die Grundidee war es, dass sich ein Rollenspieler in seine Spielfigur verwandeln kann, bei einigen abgedrehten Rollenspielern passiert das ja wirklich. Und die Idee dazu kam mir, als ich über den „Überhelden“ meines Bruders nachgedacht hatte, der von seinen Rollenspielwerten einfach unmenschlich ist. Ich hatte dann die Idee, erst durch ein 22seitiges Heft, welches ich HELDEN nennen wollte, eine kleine Vorgeschichte bzw. Charakterisierung von BENWICK, dem HELDEN meines Bruders, zu bringen, um dann mit der eigentlichen Geschichte (DORN) zu beginnen. Ich merkte aber schnell, dass auf 22 Seiten zu wenig Platz für die Geschichte meiner Rollenspielrunde bis zu Raschids Tod war.

Wir haben alles mehr oder weniger so wie im Comic dargestellt gespielt. Natürlich aus meiner Sicht erzählt. Ich habe viele Kleinigkeiten aber auch größere Ereignisse rausgelassen, da es sonst noch viel länger als 6 Hefte  geworden wäre, die ja schon meinen ursprünglichen Plan von einem Heft sprengten.

PO: In einem Heft erweist du dem Film CONAN, DER BARBAR eine Hommage und zeigst deinen eigenen Helden wie weiland Arnold Schwarzenegger als cimmerianischer Barbar an einen Baum gekreuzigt. War Robert E. Howards Schöpfung CONAN – in Buch oder Comic-Form – ein direkter Einfluss auf Benwick?

Paule: Nein, CONAN, DER BARBAR, die Verfilmung mit Arnie, ist einer meiner Lieblingsfilme. Der Film war und ist es, den ich gerne zitiere. Die Conan Comics habe ich nie gelesen.

PO: HELDEN erschien, obwohl die Serie nur sechs Hefte umfasst, über einen sehr langen Zeitraum. Woran lag es, dass die großen Lücken – einmal war es sogar ein ganzes Jahr – zustande kamen?

Paule: Es lag daran, dass ich alles alleine machen und dass ich nebenbei Geld verdienen musste. Außerdem musste und muss ich noch viel lernen und ich bin kein guter schneller Zeichner.

PO: Mittlerweile ist HELDEN abgeschlossen. Im letzten Heft hast du quasi selbst einen Gastauftritt absolviert, wenn auch unter Pseudonym. Werden wir Randolf Paker noch öfters sehen? Du könntest wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen in jedem deiner Comics einen Cameopart übernehmen.

Paule: Nein, Helden ist NICHT abgeschlossen . Und nein, ich habe keinen „Gastauftritt“ in HELDEN gehabt. Randolf Paker ist und wird eine der Hauptfiguren der HELDEN/DORN-Serie sein. Das heißt, JA wir werden Randolf noch SEHR oft sehen.

PO: Wie sehr basiert die Figur des Randolf Paker auf dir selbst?

Paule: Tja, der gute Randolf hat einen Comic rausgebracht, der HELDEN heißt,was den Comic angeht, sind wir uns seeeehr ähnlich. (lacht) Und er hat einen Bruder, eine Schwester und sieben gute Freunde mit denen er gerne Rollenspiele spielt. Auch darin sind wir uns seeeehr ähnlich. Was die anderen Dinge angeht, ist natürlich aaaalles nur erfunden.

PO: Auf eurer Homepage finden sich Arbeitsproben zu SPIDER-MAN. Du hast dich seinerzeit, noch bevor die Arbeit an HELDEN begann, bei Marvel USA mit diesen Seiten beworben. Wie ging es daraufhin weiter?

Paule: Ich hatte, während ich bei HELDEN am basteln war, meine Bewerbung zu Marvel geschickt, da ich im Comic-Business arbeiten wollte. Da HELDEN#1 dann so unerwartet gut abging hatte ich das mit Marvel erst mal beiseite gelegt. Ich hatte von ihnen eine Antwort bekommen, nach der ich noch mal was schicken sollte, weil es ihnen wohl gefiel, aber noch nicht genug von mir zeigte.

PO: Was geschah dann?

Paule: Ich sollte nach einem Skriptausschnitt eines existierenden Spider-Man-Heftes 5 weitere Bleistiftseiten schicken, weil sie sehen wollten, wie ich nach einem vorgegebenen Skript zeichne. Das hatten sie dann auch ausführlich kritisiert, wonach ich dann die verbesserten Seiten noch mal schicken sollte. Die Verbessungen hatte ich dann nie gemacht, da ich mit HELDEN#2 beschäftigt war.

PO: Hattest du dir nicht überlegt, die Arbeit an HELDEN ruhen zu lassen, um verstärkt daran zu arbeiten, eine Karriere in USA zu starten? Immerhin war der erste Schritt getan.

Paule: Nein, da hatte ich nie drüber nachgedacht. Allgemein denke ich immer wieder darüber nach, was ich wohl machen werde, wenn HELDEN/DORN gar nicht mehr funktioniert.

PO: Für die deutschen Verleger von Marvel, DC und Todd McFarlanes SPAWN hast du ein paar Pin-ups erstellt. War das so etwas wie ein Jugendtraum, Helden wie Spider-Man, Superman und Batman in Actionpose gestalten zu können?

Paule: Ein Jugendtraum war das nie. Ein Jugendtraum wäre es, mein eigenes Rollenspielsystem zu erschaffen. Aber seitdem ich Comics intensiv lese und mache, was noch nicht so lange her ist, ist es schon immer mein Traum gewesen diese großen „HELDEN“ mal zu zeichnen.

PO: Tüftelst Du etwa schon an einem eigenen Rollenspielsystem? Das HELDEN-Sujet würde sich doch anbieten, darauf ein System aufzubauen, oder?

Paule: Mittlerweile ist ein eigener Film mein Traum geworden.

PO: Das zweiteilige Poster zu Superman und Batman, das damals im jeweils zweiten Time-Warp-Schuber von Dinos SUPERMAN und BATMAN erschien, war ursprünglich schon für die ersten Schuber angekündigt. Wie kamen die Verzögerungen zustande? Dauerte das Approval in USA so lange?

Paule: Ich habe nie so ganz genau erfahren, was das Problem war. War wohl irgendetwas Internes bei DC. Oder man wollte mich nicht verletzten und hat mir nicht die Wahrheit über meinen komischen Zeichenstil gesagt (lacht).

PO: Nach HELDEN arbeitest du nun an DORN, einer modernen Superhelden-Geschichte, die in Deutschland spielt. Ist die Serie nun genauso geworden, wie du dir das zu Beginn, als ihr anfingt, mit HELDEN die Vorgeschichte zu erzählen, vorgestellt hast? Oder gab es gravierende Veränderungen im Konzept zwischen HELDEN #1 und DORN #1?

Paule: Ja, die Serie ist allerdings über die Zeit, in der ich HELDEN gezeichnet habe sehr komplex und immer größer und detailreicher geworden. Und das Kostüm habe ich von Mal zu Mal verfeinert.

PO: Bei IPP  wurden auch andere Comics wie DIE VERGESSENEN oder GITTA GOBLINSON verlegt. Warst du dort in irgendeiner Weise involviert oder kümmerte sich darum einzig und allein dein Bruder Guido als Redakteur?

Paule: Eigentlich war ich dort nie involviert. DIE VERGESSENEN hätte ich eventuell. mal für ein oder zwei Ausgaben gezeichnet, da wir dort nach Peter Popkens Ausstieg den Zeichner verloren hatten.

PO: Neben HELDEN hast du Auftragsarbeiten wie CMGA oder INCUBATION gestaltet. Sprachen dich diese Arbeiten in künstlerischer Hinsicht irgendwie an oder waren es einfach Arbeiten, die zuhause die Butter aufs Brot bringen?

Paule: INCUBATION war wie ein kleiner Traum, der in Erfüllung ging, da ich auf Spiele wie QUAKE und Co. stehe. Seitdem ist die Computerbranche für mich auch sehr interessant. Als Blue Byte dann auf mich zukam, war das fast genauso cool, wie die Sache mit SPAWN. Ja, darüber hinaus konnte ich mal für ´ne Zeit etwas mehr Butter aufs Brot schmieren.

PO: 2001 habt ihr zusammen mit Modern Graphics HELDEN in den USA herausgebracht. Wie verliefen die Verkäufe? Wie kam die Serie an? Und seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Paule: Es haben sich insgesamt weniger Hefte verkauft, als wir erhofft hatten, doch waren es genug, um die Sache durchzuziehen. Vielen Lesern gefiel die Tatsache, dass HELDEN so detailreich gezeichnet ist und es coole pure Fantasy ohne irgendwelche Science Fiction ist. Hehe, wenn die wüssten. (lacht) Okay, okay, HELDEN ist und bleibt ja eigentlich auch pure Fantasy…

Das Ergebnis sind einige Leser aus Ländern, von denen ich nie gedacht hätte, dass dort mal mein eigener Comic gelesen wird: Ich habe e-mails aus Australien, China, Polen, Spanien, England und natürlich einige aus den USA bekommen – ist schon ein cooles Gefühl. Finanziell haben wir immerhin einen Vertrag mit einer Internationalen Comic Agency und einen Lizenzvertrag mit Norwegen, wo HELDEN im April mit keinem geringeren als CONAN in ein Heft kommt.

Also ich finde, das Abenteuer hat sich gelohnt.

PO: Siehst du die US-Veröffentlichung von HELDEN auch als eine Chance, dich bei den amerikanischen Verlagen vorzustellen und so leichter den Fuß in die Tür zu bekommen, um den einen oder anderen Auftrag zu bekommen?

Paule: Ja, allerdings, ich habe Steve „mein Farbvorbild“ Oliff in San Diego kennen gelernt, bei dem ich mir eine Zusammenarbeit durchaus vorstellen könnte.

PO: Wie sieht es mit deinen weiteren bzw. mit IPPs Plänen aus? Wird DORN eine fortlaufende Serie oder überrascht ihr die Fans mit etwas ganz Neuem?

Paule: Ja, DORN wird eine fortlaufende Serie, die allerdings nicht so lang ist. Sie hat ein fest geplantes Ende. Die Zahl der Hefte liegt zwischen 10 und 20, die genaue Zahl sag ich aber noch nicht …

PO: Du hast gesagt, dass HELDEN nicht abgeschlossen ist. DORN ist natürlich eine Fortsetzung, aber der Titel HELDEN als solcher hat sich erledigt oder wird es eine weitere Miniserie geben, die von Benwicks Abenteuern in grauer Vorzeit berichtet?

Paule: Ich hülle mich in Schweigen. (lacht)

PO: Bei den großen Verlagen wie Panini schrumpfen die Auflagen, die Preise steigen und die Fans scheinen beständig weniger zu werden. Wie siehst du die derzeitige Lage des Comic-Marktes?

Paule: Ja, sieht bitter aus, mal schauen. Die Unterhaltungsbranche ist nicht einfach zu durchschauen oder vorauszuplanen. Ich denke, allgemein ist es schwierig mit Comics alleine langfristig Geld zu verdienen. Man muss immer schön Augen und Ohren in alle Richtungen aufhalten. Also immer schön die DORNEN steif halten!

PO: Vielen Dank für das Gespräch und ich wünsche Dir auch weiterhin viel Erfolg mit DORN und Co.

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